12.09.2021
Ich bekomme permanent Gänsehaut, wenn ich bei Google die Nachrichten aufrufe: Putin führt einen stillen Krieg gegen Europa, Situation in Afghanistan eskaliert, Mauerpark in Berlin wird immer gefährlicher und Deutschland steckt in einer Komplexitätsfalle. Gott sei dank ist nicht alles schlecht. Zwischendurch küsst Herr Wendler seine Laura, muss aber sofort danach sein Haus in Florida verkaufen, sie küsst ihn zurück und postet Herzchen auf Instagramm, die Welt ist also noch nicht ganz verloren, solange es noch die wahre Liebe gibt. Meine Mutter liest inzwischen auch Nachrichten nur im Netz, sie ist allerdings in der russischen Nachrichtenwelt beheimatet, und die Russen hatten schon immer ganz andere Nachrichten als der Rest der Welt. Mamas Nachrichtenwelt unterschiedet sich auffällig von meiner, als würde Mama nicht im gleichen Haus leben, sondern auf einem anderen Planeten. Jedes Mal staune ich, wenn wir uns zur Lage der Welt austauschen. Der ehemalige Solist von Bolschoj leitet nun eine neue Tanzschule in St. Peterburg für besonders begabte Kinder, „Krieg und Frieden“ gibt es jetzt als Ballett und thailändischer Gurkensalat wurde vom internationalem Kochkomitee offiziell als gesundeste Speise der Welt anerkannt. Ich würde gern in Mamas Welt umziehen, die hauptsächlich aus Ballettpremieren und Rezepten für Gurkensalate besteht. Nur selten werden dort von schnurbärtigen russischen Politologen drei wirklich wichtige Fragen der internationalen Politik beleuchtet: Warum sind die Amerikaner dumm, wo steckt Greta und wieso Taliban kein Corona hat, obwohl sie sich nicht impfen lassen. Ich verstehe natürlich, dass wir beide von den hinterhältigen Algorithmen an der Nase herumgeführt werden. Die verschiedenen Nachrichten werden uns aufgetischt, weil wir einmal draufgeklickt haben. Seitdem kocht uns der Algorithmus sein Beruhigungssüppchen und Wendler ist das, was Gurkensalat bei Mama ist. Die wahren Nachrichten werden wir nie erfahren.
