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Meine Lesereise diese Woche:

19.05. Bielefeld 

20.05. Bad Zwischenahn

21.05. Sarstedt

22.05. Herford


Foto: Pavel


Sie haben es wieder getan. Letzte Woche saß in der Reihe 103, sechs Stunden lang, mit einer dreistündigen Pause für die Mahlzeit, so viel Spaß musste sein. Die Passionsspiele, die seit 400 Jahren nur alle zehn Jahre aufgeführt werden, waren 2020 wegen Corona verschoben. Damals herrschte eine miese Stimmung im Dorf, es schien als hätte der Lauf der Geschichte plötzlich Halt gemacht, die Uhr der Menschheit war kaputt gegangen. Alle waren verunsichert, wird überhaupt noch gekreuzigt?

Ich war mit Jesus damals Weißwürste essen, mit Brezel und Bier. Er wirkte traurig und nachdenklich und wollte sich aus Verzweiflung die Haare abschneiden. Nun stand er doch auf der Bühne und weinte fast vor Stolz. Es sind in Oberammergau für jede Rolle zwei Darsteller vorgesehen, weil niemand allein 100 geplante und bereits ausverkaufte Vorstellungen durchspielen kann.

Auch diesmal gab es zwei Jesuse, einen geimpften und einen ungeimpften Jesus. Der nicht geimpfte Jesus hat sich jedoch kurz vor der Premiere überreden lassen, für den geimpften war der Esel zu klein, er lief ihm zwischen den Beinen. Also wurde extra für die Inszenierung ein katalanischer Riesenesel nach Oberammergau gebracht, ein Pferd mit Eselskopf namens Aramis. Von der Größe her passte Jesus perfekt auf Aramis, doch der Esel schien entweder nicht richtig christianisiert oder vom Teufel besessen zu sein. Er wollte Jesus nicht nach Jerusalem bringen. Zur Premiere war das Tier wie ausgewechselt. Das ganze Dorf und 4000 Zuschauer feierten die Premiere, die Stimmung war großartig und selbst das Leiden Jesu am Kreuz hat den Menschen nicht den Appetit verdorben, sie wussten, es ist nur für drei Tage (20 min), bald wird er wiederauferstehen und mit uns zusammen einen trinken. Die Passion gab mir den Glauben, alles was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Wir werden mit allem fertig, mit der Seuche, dem Hunger und dem Krieg und werden diesen Planeten in einem ordentlichen Zustand den Kindern überlassen damit sie das alte Spiel aufs Neue beginnen können.


Lesereise geht weiter:Heute 11.05.- Malzhaus PlauenMorgen 12.05.- Neustadt/Sachsen Neustadthalle


Die Baumärkte sind mit Pflanzen und Blumen voll, mein Nachbar düngt die Gurken, die Gartensaison hat begonnen, der Krieg in der Ukraine nicht aufgehört. Als Gartenschriftsteller bekomme ich täglich Interviewanfragen. Seit Corona liegt das Gärtnern voll im Trend, Gartenmessen und Kongressen laden mich ein, Gartenzeitschriften verschicken Fragebögen: „Was pflanzen Sie als erstes dieses Jahr?“ „Schicken Sie uns bitte ein Foto, wie Sie die Blumen gießen.“  Als Russenerklärer bekomme ich ebenfalls Interviewanfragen. „Soll die Bundesregierung schwere Waffen an die Ukraine liefern, wird der Krieg dadurch eskalieren?“ Diese gleichzeitig kommende Fragen machen mich nervös, Blumen gießen oder Waffen liefern? Und wenn nicht gleichzeitig, dann in welcher Reihenfolge? Haben wir Frieden oder sind wir im Krieg? Oder irgendwo dazwischen?Wir alle wollen, dass dieser Krieg aufhört und weitere verhindert werden. Darin sind wir uns einig. Nur was ist der schnellste Weg, einen Krieg zu beenden? Die Antwort liegt auf der Hand, das ist eine militärische Niederlage mit abschließender Kapitulation. Irgendjemand muss kapitulieren, am besten der Angreifer.Einige deutsche Philosophen, Liedermacher und die Herausgeberin von „Emma“ würden sofort mit Freude kapitulieren, sie sind aber nicht der Teil dieses Konfliktes. Sie versuchen deswegen ihre Regierung zu überreden, keine Waffen an die Ukraine zu liefern, dann könnten die Ukrainer nicht mehr kämpfen, würden von den Russen „entnazifiziert“ oder auf gut Deutsch platt gemacht und Ruhe kehre wieder in die europäischen Gärten ein.Die Ukrainer wollen nicht nachgeben, zum Entsetzen der deutschen Intellektuellen und trotz Prognosen vieler Militärexperten kämpfen sie um ihr Leben, um ihre Städte und die Zukunft ihrer Kinder und würden es auch ohne Waffen tun.  Das russische Regime darf nicht nachgeben, eine Niederlage würde das Ende von Putins Ära bedeuten.Alle Appelle an seine Vernunft haben nichts genutzt, Macron hat schon Unsummen für Ferngespräche mit Kreml ausgegeben, auch die Schreckensbilder des Krieges, getötete russische Soldaten, abgeschossene Flugzeuge, Merz in Kiew, haben im Kreml nicht beeindruckt. Bald aber liefert Deutschland seine sieben Panzer, die TÜV- Checkliste ist noch nicht ganz durch, angeblich ist bei diesen Fahrzeugen eine Schaube locker, doch allein ihr Erscheinen auf dem ukrainischen Staatsgebiet wird dem Angreifer den Wind aus dem Segel nehmen. Putin kündigt dann die Mobilisierung an, das russische Volk erwacht endlich aus seinem verlängerten Winterschlaf, schaut in den Spiegel und erschreckt sich. Bis dahin schaukeln wir weiter im Garten zwischen dem Frieden und dem Krieg.


PUSSY RIOT "RIOT DAYS"

Pussy Riot beginnen ihre Anti-Kriegs-Tour am 12. Mai mit einem Konzert im Funkhaus Berlin. Basierend auf dem Buch „RIOT DAYS“ von Maria Alyokhina, kombiniert das Konzert Musik, Theater und Video....

https://www.facebook.com/events/1299002020623918/

Der Krieg im Osten hat die politische Landschaft Deutschlands mächtig            aufgewirbelt. Die Sozialdemokraten wollen bis zum Jüngsten Gericht mit dem Gegner Geschäfte machen, sie finanzieren seine Waffenproduktion als hätten sie sich zum Ziel gesetzt, Lenins Spruch gerecht zu werden, dass „die Kapitalisten uns noch den Strick verkaufen würden, mit dem wir sie aufknüpfen“. Die deutsche Industrie braucht das russische Gas und wird es auch bekommen, solange sie nicht bombardiert wird.

Die Grünen wollen die Kohlekraftwerke wieder in Gang setzen und schwere Waffen an die Ukraine liefern, damit dem verhassten Gaslieferanten die Kriegspuste ausgeht. Der ukrainische Botschafter ersetzt teilweise den Bundespräsidenten. Alle wünschen der Ukraine den Sieg, niemand hat eine Vorstellung, wie dieser Sieg aussehen soll. Denn das mit 140 Millionen Einwohnern große, totalitär geführte, von antiwestlicher Propaganda vergiftete und durch Sanktionen in Verzweiflung getriebene Nachbarland wird nicht verschwinden, ganz egal, wie die Schlacht in der Ostukraine ausgeht.

Das Problem dieser, wie es das russische Regime nennt „Spezialoperation“ ist, dass der Sieg und die Niederlage sich für beide Seiten kaum voneinander unterscheiden. Werden die russischen Truppen die ukrainische Armee zerschlagen, wird ein Okkupationsregime auf solch großem Territorium nicht möglich sein, es wird Partisanenkämpfe geben, das Töten wird weiter gehen, der Konflikt wird sich über die Grenzen des Landes ausbreiten. Gelingt es den ukrainischen Streitkräften mit europäischer und amerikanischer Hilfe, den Feind über die ursprüngliche Grenze zurückzudrängen, wird das Regime in Russland keine Reue zeigen, sondern neue Panzer und neue Raketen bauen und wieder und wieder seine Soldaten in den Tod schicken, weil es laut offizieller russischer Darstellung zu diesem Krieg keine Alternative gibt. „Der Westen will uns vernichten“ dieses Mantra wird in Russland aus jedem Bügeleisen gesendet. Auch wenn der Westen all seine Secondhandpanzer auf den Schlachtfeldern der Ukraine verheizt, wird es nicht möglich sein, eine freie unabhängige Ukraine, eine angstfreie EU mit einem totalitären Russland als Nachbarstaat aufzubauen. Ein Krieg wird den nächsten gebären und die europäischen Völker werden weiterhin im Zustand der permanenten Ungewissheit über die Zukunft des Planeten bleiben. Dieser Krieg ist mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen, es müssen nicht Städte und Dörfer, sondern die Köpfe der Russen erobert werden, dort in den Köpfen liegt der Schlüssel zum Frieden. Die Bevölkerung muss unbedingt erfahren, was mit ihr geschieht. Sie müssen nicht protestieren, auf die Straße gehen, sich in Gefahr bringen. Es reicht schon, wenn sie die Politik ihres Staates sabotieren, nicht mitmachen.

Dafür sollte Europa den geflüchteten russischen Journalisten so schnell wie möglich eine Arbeitserlaubnis erteilen. Dieses spezielle russische Problem können und sollen die Russen dann hier unter sich angehen.


Alice Schwarzer mit Friends  in Amerika. Juni 1941



Wladimir Kaminer: Deutschland raucht auf dem Balkon

Privat ein Russe, beruflich einer der beliebtesten deutschen Autoren, erzählt Kaminer im BKA Theater regelmäßig seine Geschichten, teilweise auch jene, die sein Verlag womöglich niemals veröffentlichen wird. - BKA-Theater | Berlin | Wladimir Kaminer: Deutschland raucht auf dem Balkon

https://www.bka-theater.de/content_start.php?id=36

Jede neue Krise bereichert die deutsche Sprache. Die Flüchtlingskrise hat uns Pegida beschert, Corona gebar die Querdenker und der Krieg in der Ukraine die „Russencorsos“. Manchmal denke ich, es sind die gleichen Typen, auch wenn sie nicht immer die gleiche Sprache sprechen.Prorussische Autocorsos fanden an mehreren Orten in Deutschland statt, um gegen die Russophobie zu protestieren, in Lörrach, in Hannover, bei Bonn. In Berlin haben fast 900 Fahrzeuge daran teilgenommen, alles teure moderne Autos, mit großen russischen Flaggen dekoriert und niemand weiß, wo diese Menschen herkommen, wer sie organisiert und die Fahnen an sieverteilt. Möglicherweise haben sie die Tücher mitgebracht, aber für mich ist es eine abwegige Vorstellung, dass es Menschen gibt, dieStaatsfahnen von der Größe einer Tischdecke im eigenen Haushalt besitzen.Das Medieninteresse war riesig, eine Menge Journalisten fuhren hin, wurden beschimpft und angespuckt, „Lügenpresse“ wurde auch geschrien. „Wir leben in der Demokratie ihr musst uns aushalten,“ lachte eine  Russenfahnenbeitzerin in die Kamera. Erinnert das nicht an die Montagsdemos, an Querdenkerversammlungen, die alle Viren dieser Weltüberleben werden? Die Medien schaffen sich gerne eine Sensation.Tausende und abertausende meiner Landsleute nehmen bei sich ukrainische Geflüchtete auf, sie helfen, volontieren an den Bahnhöfen, spenden Geld und sammeln Kleidung, doch mit diesen Menschen ist keine Sensation zu machen, sie sind zu normal. Nur die Versprengten und Verwirrten sorgen für hohe Einschaltquoten. Die Diskussion wird breit geführt, gibt es die Russophobie wirklich, die sie beklagen? Eine verbreitete Einstellung, die Menschen aus einem anderen Volk aggressiv ablehnt? Sie existierttatsächlich im russischen Propagandafernsehen, das in Deutschlandproblemlos zu empfangen ist. Und auch in den Tiraden des Botschafters.Die russische Botschaft hat eine extra Seite geschaltet, auf der dierussischsprachigen Bürger sich beschweren dürfen. Der eine schreibt, er habe eine Putin-Karikatur in einem Hotel an der Wand gesehen, das Bild habe ihn zutiefst gekränkt. Eine Dame erzählt, sie habe bei der Arbeit Putins Krieg verteidigt, dabei die russischen Fernsehnachrichten erwähnt und wurde daraufhin von den Kollegen beschimpft. Ein anderer hat eine russische Fahne in seinen Vorgarten gehängt und wurde vom Nachbar alsFaschist bezeichnet. Die Menschen, die sich beschweren, bleiben anonym. Aber weiter auf dieser Seite steht, der Inhaber des Restaurants „Pasternak“ und der Inhaber des Geschäfts  „Kasatschok“ werden bedroht, weil ihre Inhaber mit Putin sympathisieren. Zufällig kenne ich beide Inhaber gut und lange.Der eine ist Ukrainer und sehr gekränkt wegen des Angriffskriegs, den Russland gegen seine Heimat führt, der andere hat mehr Flüchtlingshilfe geleistet als das gesamte Auswärtige Amt und beide wünschen sich, dass Putin in der Hölle schmort. Das russische Botschaftspersonal lügt wie es  atmet und wird dabei nicht einmal rot. Die russische Kultur werde ausgeschaltet, behaupten sie weiter.Meine Mutter geht in Berlin jede Woche in die Philharmonie zuirgendeinem russischen Konzert, die spielen fast nur noch Tschajkowskij und Mussorgsky, letzte Woche hatte dessen „ Pique Dame“ Premiere. Die Menschen der Autocorsos leiden unter einer kognitiven Dissonanz, unter unvereinbaren mentalen Ereignissen, hervorgerufen durch die russische staatliche Fernsehpropaganda. Aus den russischen Nachrichten erfahren sie, dass die glorreiche russische Armee die Ukrainer aus den Kellern befreit, wo sie von den ukrainischen Nationalisten und ihren Befehlshabern in Europa gehalten werden. Die Russen halten den Rest der Weltbevölkerung für Faschisten und wollen sie gleichzeitig befreien. Wersind sie also, die russischen Zuschauer aus Deutschland? Sie sie dieBefreier oder die im Keller, die befreit werden müssen? Und wennletzteres, dann von wem? Sie wissen selbst nicht, wer sie sind undwerden vom Regime als fünfte Kolonne benutzt, um den Feind zuverunsichern. Der russische Präsident und sein Außenminister haben schon mehrmals betont, in diesem Krieg geht es nicht um die Ukraine, es geht um Europa und darum, Amerika zu blamieren. So werden die Menschen aus den Russencorsos, die selbst nicht mehr wissen, wer und wo sie sind, zu  kostenlosen Werbeträgern für die russische Angriffspolitik.