18.07.2026
Russendiskonews Juli/2 2026
Was denken die Russen über ihren Krieg?
Die Kritik am Krieg gehört inzwischen im Angreiferland zum Alltag.
Wenn es früher hauptsächlich um die stagnierende Situation an der Front und klägliche Eroberungen in den besetzten Gebieten der Ukraine ging, wird heute über den Krieg im russischen Himmel laut und hektisch diskutiert. Erstaunlich, aber wahr: In den ultrapatriotischen Kreisen der Militärblogger, unter den ins Ausland geflüchteten Kriegsgegnern und bei der verzweifelten und erbosten Bevölkerung herrscht zum ersten Mal seit Beginn der Speziellen Operation in einer Frage Konsens: Die Lage ist schlecht.
Überall im großen Land brennt es. Vor allem haben es allen die ukrainische Drohne angetan, die eine der größten Raffinerien des Landes in Omsk erwischte, im tiefsten Sibirien, 2500 Kilometer von der Front entfernt. Wie konnte das passieren, von wo war der Vogel geflogen und war es überhaupt eine Drohne?
In allen vergangenen Kriegen, die Russland führte, blieb Sibirien verschont, weder Napoleon im Ersten Vaterländischen Krieg noch Hitler-Deutschland im Zweiten konnten Sibirien gefährlich werden. Die patriotischen Beobachter scheinen verunsichert zu sein. Gegen wen kämpfen wir überhaupt? Wer ist der Feind?
Die Propagandisten im Fernsehen hatten große Mühe ein passendes Feindbild zu malen, das zu diesem vergeigten Krieg paßt. Die Ukraine als Feind kam nicht infrage. Es wäre einem dummen Märchen gleich, wenn das größte Land der Welt mit einer Millionenarmee und schier endlosem Waffenarsenal seit beinahe fünf Jahren um ein kleines Dorf in der Ostukraine kämpfen würde, nur weil die Ukrainer so tolle Soldaten wären?
Die Propagandisten waren sich einig, es war die Nato, die uns in die Quere kam, die Nato hegte schon immer böse Pläne und wollte mit Russland abrechnen. Doch die Nato wurde in den russischen Medien stets als eine von Amerika abhängige, ineffektive Vereinigung dargestellt, ein Haufen Bürokraten, ein Papiertiger ohne Zähne. Wie konnte dieser Papiertiger so erfolgreich werden?
Ist unser Feind vielleicht das Pentagon? Hat der amerikanische Präsident in aller Öffentlichkeit die Militärhilfe für die Ukraine nicht verweigert? Er hat eigentlich genug mit den eigenen Kriegen zu tun.
Lange suchten die kremltreuen Welterklärer nach einer neuen Wahrheit, die diese missliche Lage erklären konnte. Die neue Antwort lautete: Wir kämpfen gegen Big Data, gegen die neue, aufstrebende Weltmacht: die künstliche Intelligenz.
Eine fortschrittlichere Generation der Mittelstreckendrohnen, ausgestattet mit Wasserstoffmotoren und mit K.I. brauche keine Drohnenführer mehr, mit nötigen Informationen gespickt, kann sie ihre Ziele selbst auswählen und die beste Route ausrechnen, schnell, präzise und für die Raketenabwehr unsichtbar.
Eine Gruppe von Computerfreaks, die die Weltherrschaft anstreben, nutzen nun den russischen Angriffskrieg, um die neue Generation ihrer Waffen zu perfektionieren und deswegen ginge es mit der Armee nicht voran. Zwar habe der russische Präsident in mehreren Sitzungen des Sicherheitsrates und des Generalstabs schon mehrmals Anweisungen gegeben, dringend eine eigene souveräne K.I. herzustellen, doch seine Befehle wurden augenscheinlich von den zuständigen Wissenschaftlern und Ingenieuren verweigert.
„Der Opa hat doch keine Ahnung vom Internet und deswegen sind wir verloren!“ Ein fatalistisches Stöhnen geht durch die militanten patriotischen Bloggerkanäle, eine Panikstimmung breitet sich dort aus.
Und die Bevölkerung? Sie verbringt währenddessen den Sommer auf dem Sofa vor dem Fernsehen. Die Urlaubssaison ist im Eimer, auf der Krim gibt es keinen Strom und an den Tankstellen kein Sprit. Der einzige Spaß: die Fußball WM.
„Match TV“ soll zur Zeit der beliebteste Sender im russischen Fernsehen sein, mit sagenhaften Quoten. Ohne Nachrichten von der Front, ohne aufdringliche, langweilige Sendungen über die „traditionelle Werte unseres Landes“ und über den „Triumph des russischen Geistes“ bringt der Sender den ganzen Juli die Fußballweltmeisterschaft, Spiel für Spiel und hat eine unglaublich hohe Aufmerksamkeit in der Bevölkerung errungen. Wen juckt schon der Krieg, wenn Argentinien spielt! Die Moderatoren erinnern sich beim Kommentieren der Spiele nostalgisch an den Sommer 2018 als die Fußball WM in Moskau stattfand und die ganze Welt die Russen mochte.
Und viele fragen sich, was ist bloß mit uns passiert? Nur 8 Jahre später summen die Drohnen Richtung Omsk, Japan spielt gegen Brasilien, im Ersten Programm spuckt ein glatzköpfiger Professor Gift und Galle, „Ein Atombombenabwurf auf ein Nato-Land ist unabdingbar, damit der Wahnsinn endlich aufhört!“ Keiner hört ihm zu.
„Die Japaner haben die gleichen schönen Trikots, wie damals 2018“, bewundert gleichzeitig auf Match. TV der Fußballmoderator die japanische Mannschaft für ihren guten Geschmack. Alle wollen zurück ins Jahr 2018, doch das Rad der Zeit lässt sich leider nicht zurückdrehen.