17.04.2026
Russendiskonews April/II
Sauberkeit und Demokratie
Das Regime im Kreml hat viele Menschen aus dem Land herausgedrückt, Kulturschaffenden und Journalisten, Politaktivisten und Wissenschaftler, schließlich die Jugend, die aus Angst vor Mobilisierung ins Ausland geflüchtet war. Der Großteil der frisch ausgereisten bleibt patriotisch, sie wollen sich nicht als Migranten bezeichnen. Sie nennen sich „Relocants“, d.h. Menschen die gegen eigenen Willen umgesiedelt wurden und die Hoffnung hegen, irgendwann zurück nach Hause, nach Russland zu kommen. Sie leiden an Heimweh. Die meisten von ihnen sind aus großen russischen Städten nach Berlin gekommen, aus Moskau oder St. Petersburg. Sie vergleichen, und immer fällt bei dem Vergleich ihre neue Location durch. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, höre ich Beschwerden darüber, wie schmutzig Berlin ist.
Alles so schmutzig hier, trotz der Mülltrennung, sagen die Russen. Irgendwann platzte mir der Kragen. „Leute!“ warf ich ein, „bei auch werden Regimegegner auf der Straße umgebracht!“
„Ja, aber da wird sofort wieder sauber gemacht, und hier ist alles so schmutzig“, fangen sie ihr Lieblingslied von vorne an. Irgendwann sind wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen, Demokratien sind schmutziger als Diktaturen. Der Traum von Sauberkeit wird in erster Linie in autoritären Regimen und Diktaturen gelebt. Wie oft hörte ich schon von Touristen, die gerade aus Nordkorea, Weißrussland oder aus Katar zurückgekehrt waren, wie sauber dort die Straßen sind. Keine Zigarettenstummel auf dem Boden, keine Graffitis, keine Obdachlosen.
Die sauberste, gut riechende Stadt, die ich auf meinen Lesereisen besuchte, war die usbekische Hauptstadt Taschkent. Ich wurde von der dortigen Universität eingeladen um vor den Germanisten zu sprechen, eine Woche vorher hatte sich der usbekische Machthaber in eine Ansprache geäußert, wie wichtig es für die jungen Usbeken sei, Fremdsprachen zu lernen „vor allem Englisch“ betonte der Machthaber und entfesselte dadurch eine Bildungskrise. Es war nämlich für Universitäten unklar, wie sie diesen Ausdruck deuten sollen. Was heißt „vor allem“? meinte der Chef „Ausschließlich“ oder war damit „unter anderem“ gemeint? Werden nun alle Germanistik- Fakultäten geschlossen oder umgekehrt subventioniert? Kurzum, niemand wusste ob meine Vorlesung nun stattfinden würde, ich hatte ein paar Tage frei und ging durch Taschkent, die sauberste Stadt der Welt, spazieren. Kaum Fußgänger, keine überfüllten Cafés, die Straßen glänzten und rochen buchstäblich nach Shampoo, ich hatte stets das Gefühl, ich müßte die Schuhe ausziehen und wunderte mich sehr, in diesem armen Land keine Bettler zu sehen, nirgends.
Nachts im Hotel konnte ich nicht schlafen, weil es so unheimlich still war. Ich ging auf den Balkon und sah, wie eine große Gruppe von in Tücher gewickelte Personen den Boden schrumpfte. Es waren, wie mir am nächsten Tag meine Dolmetscherin erklärte, Frauen, die ein administratives Vergehen sich hatten zu Schulden kommen lassen, falsch gekleidet in der Öffentlichkeit erschienen sind oder ihren Mann verärgert hatten. Sie mussten zur Strafe mit verdeckten Gesichtern, die Straße schrubben.
Zurück nach Berlin gekommen begrüßte ich die Kippen und Kaugummis auf der Straße, als wären sie meine besten Freunde.
Sind also Zigarettenstummel und Plastikbecher Zeichen einer demokratischen Gesellschaftsordnung?
Das nicht. Ich kann mir Demokratie auch ohne vorstellen. Doch es gibt sie, diese spezielle autoritäre Sauberkeit. Sie entsteht dort, wo es auf den Straßen kein Leben gibt. Leere, leuchtende Malls, perfekt geputzte Schaufenster, Balkone mit immer gleichen Blumen und ordentlich nebeneinander abgestellte Fahrzeuge, ebenfalls geputzt, so als hätte nie ein Mensch in ihnen gesessen. Keine überfüllten Cafés, keine Schlangen vor der Eisdiele, keine Straßenmusiker, keine Jugendlichen, die auf dem Bordstein sitzend laut Musik hören und selbstverständlich keine Obdachlosen. Da soll doch jeder denkende Mensch fragen, wo sind sie alle hin und ob er nicht der nächste sein wird, der diese Sauberkeit stört?
Denn jeder Mensch macht Müll, jeder Mensch macht Lärm und nicht jeder fühlt sich der Ordnung verpflichtet. Das liegt in der Natur jedes Menschen. Die Stadt ist eine Ansammlung der Ungleichen, der Alten und den Jungen, Reichen und Armen, Lauten und Leisen. Dieser Text soll keine Lobeshymne für Müll sein, natürlich soll die öffentliche Sauberkeit unterstützt werden, allein schon um die Infektionsrisiken zu minimieren. Doch wenn sie in eine Stadt kommen, wo es kaum Menschen auf der Straße gibt und die Luft penetrant nach Putzmittel riecht, seien Sie auf der Hut.