Wladimir Kaminer

Russendiskonews August 2026/III


In Berlin ist Wahlkampf und beinahe jede Partei versucht neben ihrem Programm mit „Frieden“ zu punkten, denn „Frieden“ hört sich supergut an. Es hört sich phantastisch an, würde man es nicht bloß als hohle Floskel missbrauchen.

Abstrakte Humanisten werben für „Frieeeden“ ohne konkretes Handeln und ohne Verstehen, wie das real auszusehen mag.

Die mit Wahlplakaten bestückten Straßenlampen in Berlin leuchten vor Frieden. Die eine Partei ist gegen die Verwahrlosung der Hauptstadt und für den Frieden, die andere gegen die Wohnungsnot und für den Frieden.

Die dritte möchte den Klimawandel bekämpfen und ist selbstverständlich für den Frieden.

Dieser abstrakte Friedenswunsch wirkt irritierend, er setzt voraus, dass irgendwo an einer anderen Straßenlampe, vielleicht ganz oben, ein Plakat von einer bösen Partei hängen würde, die gegen den Frieden ist. Doch egal wie hoch man klettern würde, auf keiner Straßenlampe findet sich eins für den Krieg.

Auch im Angreiferland ist die Mehrheit für den Frieden, für eine sofortige Beendigung des Krieges.

Die Mikropartei Jabloko, die sich als Antikriegspartei für die russischen Parlamentswahl im Herbst positioniert hatte und mit dem schlichten Slogan „Für Frieden und Freiheit“ auftrat, hat auf Anhieb so viel Unterstützung in der Bevölkerung bekommen, dass die Hosen im Kreml nass wurden. Also musste das Regime diese Partei in einem peinlichen, schnell gebastelten Gerichtsverfahren von der Wahl ausschließen und ein paar wichtige Parteifunktionäre inhaftieren, damit auf der Straße wieder „Frieden“ ist.

Auch in Kreml träumt man nämlich vom Frieden, man möchte so schnell wie möglich die Ukraine plattbomben, die Regierung in Kiew stürzen und die Nato in die Schranken verweisen, gleich danach ist Frieden angesagt.

Die Hitzköpfe im russischen Fernsehen, die gefühlt jeden Abend den Einsatz von Atomwaffen beschwören, reden ebenfalls vom Frieden. „Wie lange soll dieser unsägliche Krieg noch weiter hinziehen? Wir haben doch Atomraketen, ein gezielter Abschuss, irgendwo in Europa, wo die ganzen ukrainischen Unterstützer sitzen und am nächsten Tag haben wir Ruhe im Karton! Dann ist Frieden!“

Inzwischen scheint dieser Friedensplan vom Tisch, die Ukraine besitzt mittlerweile Langstreckenraketen, die russische Atomkraftwerke oder große Chemiebetriebe sprengen könnten, sollte der Angreifer es mit der Bombe ernst meinen. Die darauffolgende Antwort wäre für Russland nicht hinnehmbar.

Der zweite Friedensplan des Regimes wäre eine großangelegte Mobilisierung im Herbst durchzuführen und eine Riesenarmee in Richtung Kiew marschieren zu lassen.

Logistisch kaum machbar, militärisch wenig erfolgsversprechend, ist die Vogelscheuche der bevorstehenden Mobilisierung in Russland trotzdem zum unausgesprochenen August-Hauptthema geworden, obwohl alle Machthaber, die Abgeordneten des Parlaments, die Mitglieder des Sicherheitsrates, die Generäle des Verteidigungsministeriums, sich mehrmals eindeutig geäußert haben, dass es keine Mobilisierungspläne für den Herbst gibt. Je öfter und lauter sie es versichern, umso weniger glaubwürdig klingt das fürs Volk.

Warum sollen sie immer wieder im Fernsehen betonen, das keine Mobilisierung geplant ist, selbst wenn keiner fragt.

Für eine großangelegte Mobilisierung bedarf es aktuell in Russland keine Gesetzesänderung. Die vom Präsidenten vor vier Jahren angekündigte Teilmobilisierung und die Einberufung auf Kontraktbasis läuft, wenn auch nicht ideal, immer weiter. Nach erfolgreichen Werbekampagnen in den russischen Strafanstalten, unter den Langzeitarbeitslosen, Privatinsolventen und Unterhaltszahlungsverweigerern werden nun junge Menschen mit Intelligenz gesucht. Und mit musikalischem Gehör.

Das Bildungsministerium möchte 2% der Studierenden dieses Jahr in Uniformen stecken. Die kreativsten Bildungsstätten mit einst gutem Ruf: Die Russische Filmakademie, das Architekturinstitut, das Konservatorium in St. Petersburg werben im großen Stil für neue Ausbildungskurse: Die Studenten sollen Drohnenführer werden, die Ausbildungszeit wird ihnen als Urlaubssemester angerechnet, eine einmalige Belohnung von 4 Millionen Rubel und ein Jahresgehalt von sechseinhalb Millionen soll ihnen diesen Lebenswandel versüßen.

Danach ein Jahr lang Drohne fliegen lassen und dann wieder zurück an die Kunstakademie. Ganz vorne bei diesem Angebot steht das Konservatorium, ursprünglich eine Fachschule für Musik und Gesang. Dort wird am heftigsten rekrutiert. Entweder gemäß der Weisheit „Wenn die Drohnen donnern, schweigen die Musen“ oder braucht man zum Drohnenführen wirklich ein musikalisches Gehör?


Die Kreuzfahrer

Ein Kreuzfahrtschiff ist eine ganz eigene Welt. Der Reisende betritt eine schwimmende Oase des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit zur nächsten. Und natürlich mit jeder Menge neuer Bekanntschaften. Aber auch an Land gibt es viel zu entdecken: von Putin-Schokolade in St. Petersburg, über falsche Götter auf der Akropolis bis zu verrückten karibischen Taxifahrern. Und wer könnte schöner davon erzählen als Wladimir Kaminer, Kreuzfahrer aus Leidenschaft? 

Taschenbuch | 224 Seiten | Januar 2020 | ISBN: 978-3-442-48980-0

Armee
13:15
Bahnhof Lichtenberg
5:50
Berlin
3:25
Berliner Aberglaube
3:27
Berliner Dialekt
4:32
Blut auf der Schönhauser Allee
4:31
Boney M
4:53
Boom, Baby Boom
5:10
Bücher aus dem Container
5:11
Chartuscho
7:31
Das Leben ist Bewegung
4:41
Das syreralistische Komitee zur Rettung der Welt
8:29
Dein Schatz, mein Schatz
3:44
Der Enkel des Partisanen
7:49
Der Fahneneid
9:03
Der Flaschenfisch
4:35
Der Kremlweihnachtsmann
7:26
Der Kühlschrank meiner Schwiegermutter
7:55
Der Russe lacht nicht
10:25
Der siebte Tibeter
4:29
Der Sinn des Eisfisches
7:40
Der Traumfänger
7:40
Dicke Sterne
13:36
Die Cottbuser Zukunft
6:51
Die Gender-Theorie und ihre Präsenz im Alltag
14:22
Die Helden des vorigen Jahrhunderts
7:48
Die Karottendiät
6:02
Die Läuse der Freiheit
5:56
Die Sprachkompetenz
5:04
Die Syrer packen aus
6:11
Die Telebrücke
5:42
Die Wassermelonenzeit
5:32
Döndü
4:03
Echte Russen
5:48
Ein Haus am See
9:01
Eintausend Chinesen
6:25
Epilog
2:37
Europas besserer Teil
21:01
Gagarin
4:34
Geologen
8:30
Gespräche über die Ewigkeit
4:10
Hölderlin und Hoffmann
9:15
Ich bin kein Berliner
8:06
Kafka, Konsalik und ich
4:32
Karl Friedrich
5:30
Kleine Schnecke
8:14
Kottbusser Lamm
8:23
Krim
11:37
LaGeSo
6:14
Lass uns Rennen, lass uns Reiten
14:00
Meine Frau und der Marder
9:00
Menschenrechte
3:39
Nachwort
2:36
Neue Heimat
9:35
Pheromone
4:33
Projektwoche Flüchtlingshilfe
7:12
Quittenschnaps Weikersheim
8:31
Schlechte Vorbilder
6:34
Schöne Frau, alles gut
7:22
Schröders Ruh
6:53
Schwiegermutter
4:55
Syrer in der Traumfabrik
13:58
Tolstois Bart
5:08
Tschechows Schuhe
9:29
Unbekannte fliegende Objekte
5:27
Unerwarteter Besuch
8:17
Väter und Söhne
8:36
Vegetarier an der Bushaltestelle
10:29
Verfehltes Paris
9:36
Weinanbau im Nordkaukasus
4:36
Wettbewerb
7:11