05.10.2026
Russendiskonews Oktober 2026
Niemand in Moskau spricht mehr von einer „speziellen Operation“, angesichts der brennenden Raffinerien, Lagerhallen und ratternder Flugabwehr rund um die Hauptstadt wäre es lächerlich und unglaubwürdig von irgendeiner „Operation“ zu reden und den Krieg weiter von der eigenen Bevölkerung zu verstecken. Nun heißt der Krieg „Krieg“ und wird in der offiziellen Sprache des Kremls als „Krieg gegen den Westen“ präsentiert. Das ändert vieles in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Während die spezielle Operation irgendwo hinter sieben Bergen vor sich hin ballerte, zeitlich unbegrenzt war und sich endlos hätte hinziehen können, ohne große Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu erregen, braucht der Krieg einen schnellen Sieg. Der fehlende Sieg in diesem Winter würde eine Niederlage des Regimes bedeuten. Also wird in Moskau krampfhaft nach einem Sieg gesucht.
Auf den Schlachtfeldern der Ostukraine, das sagen alle Experten, ist ein schnelles Vorwärtskommen nicht möglich.
Während die russischen Söldner an einem Frontende ein Dorf besetzen, befreien die Ukrainer am anderen Ende zwei. Dieses ständige Hin und Her sieht nicht nach einem Sieg aus. Mikroskopische territoriale Eroberungen bringen nur mehr Gefahren mit sich und sind schwer als Sieg zu verkaufen
Der andere Weg zum Sieg wäre, die zivile Infrastruktur der ukrainischen Bevölkerung mit Luftangriffen nachhaltig zu zerstören. Unter diesen Bedingungen würden sie Druck auf ihre politische Führung machen, um sie zur Kapitulation zu bewegen. Deswegen hagelt es Raketen auf Charkow und Kiew, die Sirenen hören Tag und Nacht nicht auf zu heulen. Ein Freund von mir, der gerade von Kiew nach Berlin reiste, erzählte, er leide auch in Deutschland unter den Phantom-Sirenen, die er nun ständig in den Ohren hat und zuckt jedes Mal, wenn ein Flugzeug am Himmel erscheint, zusammen. Der Himmel über der Ukraine ist für den zivilen Flugverkehr seit viereinhalb Jahren geschlossen, nur Bomben, Raketen und Drohnen fallen vom Himmel.
Die Einschüchterung der ukrainischen Bevölkerung wird jedoch nicht klappen, meint mein Freund. Zum einem haben die Ukrainer schon etliche Winter unter Beschuss hinter sich, zum anderen sind sie jetzt in der Lage zurück zu bomben. Blackouts auf russischem Territorium können in bevorstehendem Winter eine große Überraschung für die Russen werden.
Die andere Neuigkeit, die die russische Bevölkerung verunsicherte, war die fehlende Luftabwehr im Hinterland.
Die Regierung äußerte sich dazu, die Verteidigung der Raffinerien und Lagerhallen seien den Firmen zu überlassen, deren diese Objekte gehören. „Die Rettung der Ertrinkenden liegt in der Obhut der Ertrinkenden“ Sie müssen sich ihre eigene Luftabwehr schaffen.
Aus dem Bauch des Volkes kam ein leises Flüstern: „Wo ist denn die Raketenabwehr? Geklaut!“
Noch eine mögliche Variante des russischen Sieges wäre die politische Destabilisierung Europas, deswegen hatte die Wahl der AfD in Sachsen- Anhalt von den russischen Medien mehr Aufmerksamkeit bekommen als die eigenen Parlamentswahlen und ihr Ausgang wurde frenetisch gefeiert.
Mit ebenso großer Hoffnung schaut das Regime nach Frankreich, dort könnte bald Marie Le Pen regieren.
Man verspricht sich von den Rechten(!) das Ende der Waffenlieferungen in die Ukraine und eine Verbeugung vor der russischen Streitmacht. Gleichzeitig werden Angriffe auf die europäische Infrastruktur geplant.
Die naive Phantasie, die Rechten seien Russlands Freunde, ist ein Missverständnis, absolutes Wunschdenken. Es gibt sicher in den Reihen der deutschen Rechten alle möglichen Personen und einige halten sich sicher für russlandfreundlich, doch im Kern waren die Rechten niemals Pazifisten. Sollte ihre Heimat, egal wie, von den Russen angegriffen sein, werden sie die letzten sein, die mit Plakaten „Make love, not war“ auf die Straße gehen. Und auch Marine Le Pen änderte inzwischen ihre Rhetorik und möchte nun die EU verteidigen.
Eine Zeitlang schien es, die beispiellose Schwäche der amerikanischen Außenpolitik, die das Land ihrem Präsidenten zu verdanken hat, könnte den Russen zum Sieg verhelfen. Der Amerikaner kann pathologisch keine Koalitionen schließen, wie ein einsamer Batman fliegt er durch die Welt und möchte ganz allein nur durch die Kraft seines furchterregenden Intellekts alle Konflikte beseitigen. Zum Glück scheint dem Batman nun der Sprit ausgegangen zu sein, er summt mehr als er fliegt.
Es steht fest, der Krieg, den Russland entfesselt hat, veränderte die politische Architektur in Europa und zersetzte Schritt für Schritt das Konzept der europäischen Sicherheit.
Zum Einen funktioniert die nukleare Abschreckung nicht mehr. So wie die Feinde Amerikas keine Angst mehr vor dessen Atomraketen haben, wird im Osten die Atommacht Russland ebenfalls ignoriert.
Zum Anderen kam es zu einer „Partisanisierung“ des Krieges. Der Krieg findet nicht mehr an der Frontlinie statt, sondern überall oder nirgendwo. Man braucht keine Armee und keine Panzerkolonnen mehr, um Krieg zu führen. Eine Schülergruppe, die Codes für KI schreiben kann, ist in der Lage die Versorgungsnetze einer Großstadt lahm zu legen, ebenso Flughäfen .
Die Partisanisierung schreitet voran, überall auf der Welt kämpfen Menschen mit und ohne Uniformen, mit und ohne Abzeichen, unter falschen Flaggen oder ganz ohne eine. Hisbollah und Hussiten, iranische Milizen und russische anarchistische Trupps auf der Seite der Ukraine. Die Nachrichtendienste konnten sich früher auf den Feind fokussieren und ihn beim Namen nennen. Die Terrorgruppen übernahmen selbst die Verantwortung für ihre Anschläge. Heute ist es kaum möglich, den Feind zu identifizieren und die Verantwortung wird von niemandem mehr übernommen.
Die Welt schwimmt in Verantwortungslosigkeit.
Vor diesem Hintergrund darf Europa nicht nachlassen. Sie soll an einer Niederlage Russlands arbeiten, ohne sich in einen direkten Konflikt einmischen zu lassen. Nur eine Niederlage kann Russland heilen, sein Sieg würde das Land für unabsehbar lange Zeit in einen schlimmen Totalitarismus münden lassen. Diese russische Niederlage könnte verschieden aussehen, der wirtschaftliche Druck, der die Finanzierung der Armee behindert, die Ermöglichung von Cyberattacken auf kommunikative Systeme des Regimes und natürlich die Bewaffnung der ukrainischen Armee.
In diesem Winter wird, so hoffe ich, das letzte Kapitel dieses unsäglichen Krieges geschrieben, die Soldaten kommen wieder nach Hause und die Welt bekommt eine Verschnaufpause. Dann sehen wir weiter.