22.01.2026
Das Jahr hat erschreckend turbulent begonnen, wie eine neue Staffel von Game of Thrones: Kriege, Morde und Intrigen, Machtkämpfe, wie wir sie schon lange nicht gesehen haben, deutsche Soldaten auf Grönland, Inder in der russischen Armee, unkonventionelle Kriegsführung, Elefanten gegen Eisbären? Alles scheint möglich.
Was allerdings unsere realexistierenden Machthaber von den Fantasy-Königen unterscheidet, ist ihre sture Unfähigkeit, die Realität anzuerkennen. Beide Präsidenten, der russische Autokrat und der Weltmächtige Amerikaner scheinen psychologische Schutzmechanismen entwickelt zu haben, die ihnen zur Verdrängung der Realität dienen.
Der Kriegsführer in Kreml, der bereits Ende des letzten Jahres in eine merkwürdige Fantasieuniform geschlüpft war, zog sie nun aus. In seinem ersten öffentlichen Auftritt des Jahres redete er mit europäischen Diplomaten und gab Europa die Schuld an seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Diplomaten haben ihm nicht widersprochen, nur diplomatisch genickt. Die Militärexperten sind sich einig, Russland hat den seit vier Jahren andauernder Krieg verloren.
Die Offensive 2025 ist wie die in den Jahren davor gescheitert, die russische Armee hat es trotz ihrer Überlegenheit in der Luft und ihrer Bereitschaft, große Verluste auf dem Boden hinzunehmen, nicht geschafft, den Vormarsch im Osten der Ukraine zu beschleunigen, ihre Eroberungen sind bescheiden und bleiben bei 1% des ukrainischen Staatsgebiets. Die Umzingelung der ukrainischen Armee im Donbass ist Wunschdenken geblieben, die Geschwindigkeit des Vorankommens der russischen Armee ist dieselbe wie im Jahr davor, der Preis dafür hat sich jedoch erhöht: 100 Soldaten pro Quadratkilometer.
Das Regimewechsel in Kiew fand nicht statt, die Unterstützung der Ukraine seitens Europas hält stand.
Die Frage ist, wie kommt der russische Machthaber aus dem verlorenen Krieg, ohne sein Gesicht zu verlieren? Was kann er seiner Bevölkerung als Gewinn präsentieren? Zerbombte Wohnhäuser und Strommasten? Die nahliegende Antwort ist, um weiter erfolgreich seinen Krieg zu führen, braucht er einen anderen schwächeren Gegner, zum Beispiel die EU. An dieser hybriden Front hat der russische Präsident mehr Erfolgschancen als in der Ukraine. Europa ist zerstritten und nicht gewöhnt, sich selbst ohne amerikanische Unterstützung um die eigene Sicherheit zu kümmern.
Obwohl dieses Jahr keine großen Wahlen in England, Frankreich und Deutschland anstehen, leben die Koalitionsregierungen des Kontinents in einer Art Ohnmacht, mit dem Gefühl einer drohenden zukünftigen Niederlage, das auf die Bevölkerung überschwappt und als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung funktioniert. Denn mit der EU ist es ähnlich, wie mit Gott. Sie existiert solange wie die Menschen daran glauben. Wenn der Glaube schwindet, schwindet auch die EU. Und niemand ist da, um Hilfe zu leisten, die Amerikaner tun so, als würden sie uns gar nicht kennen.
Momentan bereitet der amerikanische Machthaber den Europäern sogar mehr Kopfschmerzen als sein russischer Kollege, mit altersbedingter Schamlosigkeit entwickelte er eine manische Besessenheit für die größte Insel der Welt. Er kann der Anziehung Grönlands nicht widerstehen, wie ein Kind, das nie ein Eis essen durfte, möchte er nun, siebzig Jahre später unbedingt den größten Eiswürfel der Welt haben, egal was es kostet. Die Gründe dafür werden immer wieder frei erfunden.
Mal ist es die angeblich fehlende amerikanische militärische Präsenz in der Arktis, mal das Lieblingsthema des Amerikaners, die Bodenschätze. Doch weder das eine noch das andere kann dieses Drängen erklären. Militärische Präsenz kann den Amerikanern im Rahmen des NATO-Bündnisses jederzeit gegönnt werden und die Vorkommen auf Grönland gab es schon immer, die großen Konzerne hätten sie schon längst geholt, wenn der Preis für die Beförderung dieser Vorkommen nicht so hoch wäre. Zurzeit
übersteigt er um das Dreifache den Marktwert dieser Vorkommen.
Dasselbe gilt übrigens für das Öl in Venezuela, vor den Sanktionen haben mehrere unter anderem auch amerikanischen Konzerne versucht, mit dem teuren venezolanischen Öl reich zu werden, es gelang ihnen nicht. Von den seltenen ukrainischen Erden ganz zu schweigen. Nun hat Grönland alle Chancen, zum Zankapfel zwischen der EU und Amerika zu werden, nicht umsonst reagierte der Bundeskanzler umgehend und schickte eine Einheit der deutschen Bundeswehr auf die Insel, immerhin 13 Soldaten und nur für zwei Tage als symbolischer Ausdruck für die Bereitschaft, Dänemark im Streit zu unterstützen.
Hoffentlich hatten diese Soldaten genug warme Sachen mit. Es lässt sich für mich schwer einschätzen, wie gefährlich diese Mission auf Grönland war. Ein paar Freunde, die in der Nähe des Polarkreises gedient haben, sagten, ist halb so schlimm, man soll auf jeden Fall im Norden nach den Gesetzen des Nordens handeln und sie akzeptieren.
Die Eisbären zu streicheln und im Freien zu pinkeln sind zum Beispiel zwei Tabus, aber das weiß die Bundeswehr sicher auch. Trotz des ganzen Zirkus bleibt uns die Hoffnung, dass 2026 ein Jahr des Friedens werden könnte. Für Menschen und für Eisbären.