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Ich weiß nicht, ob es noch Karten gibt, ich lese am Freitag in Westhofen, dann Saarlouis, Vellmar, Darmstadt und Bremerhaven und jede zweite Lesung open air.  Nicht schlecht oder? Hier die Einzelheiten: https://www.wladimirkaminer.de/veranstaltungen


Kurze Geschichte von Spinat

Eine Woche vor der Kommunion fragte Matilda, die Tochter einer Freundin, ihren katholischen Religionslehrer, wir konnte Gott die Erde an einem Tag erschaffen, wo der Erdkern doch 6000 Grad heiß ist. Er musste sich dabei die Finger verbrannt haben, wenn Gott überhaupt Finger hat. Daraufhin wurde die Mama in die Schule zu einem Gespräch bestellt. Im Laufe des Gesprächs kamen beide Seiten zu dem Kompromiss, dass der Erdkern bei der Erschaffung der Erde eine angenehme Zimmertemperatur haben musste, die im Laufe der Zeit immer weiter stieg, angeheizt durch den Zorn Gottes über das menschliche Treiben auf der Oberfläche. Je mehr die Menschen sündigten umso heißer lief der Kern im inneren der Erde. Die Frage nach Gottes verbrannter Finger wurde zum gegenseitigem Einverständnis nicht weiter diskutiert. Wir wissen es nicht, sagte der Lehrer. Und wir wissen, dass wir es nicht wissen. Er hatte natürlich Recht. Für vieles, woraus unser Leben besteht, haben wir keine plausible Erklärung. Unsere Vorstellungen von der Welt sind auf Mythen und Legenden aufgebaut, die durch anderen Mythen und Legenden zustande gekommen sind. Die Wahrheit lässt sich nicht eindeutig entschlüsseln. Ich bin in einem atheistischen Staat aufgewachsen, statt Gottesfinger beschäftigte mich in den jungen Jahren stark das große Spinaträtsel. Als Kinder wurden wir von den Erwachsenen gezwungen, diesen ekligen Spinat zu essen, immer unter der Prämisse, dies sei unabdingbar, weil Spinat unheimlich viel Eisen enthält.
Dabei reichte ein kurzer Blick auf jede Spinatpackung, um festzustellen, dass Spinat überhaupt kein nennenswertes Eisen enthält. Laut einer Legende war dieses Missverständnis 1934 entstanden, durch den Druckfehler in einem wissenschaftlichen Artikel über chemische Analyse des Spinats. Ein Komma war zufällig eine Position nach rechts gerutscht, das Ergebnis dementsprechend verzehnfacht. Doch dieses Artikel ein auch nur eine Legende, den hat es nie gegeben.
Es war der Zeichentrick „Popeye, der Seemann mit dem harten Schlag,“ über einen Angehörigen der Marine, der durch Verzehrung von Spinat unglaublich große Muckis bekam. Doch nirgendwo in diesem Film war von Eisen die Rede. In einer Serie spricht Popeye Klartext und sagt, in Spinat sei Vitamin A vorhanden, was auch stimmt. Wie nun das verfluchte Eisen in Spinat reingekommen war, weiß anscheinend keiner. Meine Cousine Jana hatte ihren Spinat immer heimlich in Mamas Blumentöpfe reingetan, die Pflanzen sind tatsächlich groß und stark geworden. Doch vielleicht wären sie es ohne Spinat auch. Das werden wir nun nie erfahren. Übrigens hat „spinach“ auf Englisch noch eine zweite Bedeutung, so nennt man Unsinn und Betrug.


Putins feierliche fünfte Amtseinführung Anfang Mai, die im offiziellen Jargon als „Ausübung der heiligen Pflicht“ bezeichnet wurde, hat sich im Laufe der Zeit stark verändert und ähnelt nun einer archaischen Hochzeit. Der Bräutigam wird prunkvoll gekleidet, die geladenen Gäste platzen vor Stolz, die Braut ist nicht anwesend. Der Treuschwur wird auf dem frisch gedruckten Grundgesetz geleistet, einem aufwändig hergestellten Buch mit einem Einband aus der Haut von Waranen. Weil das Grundgesetz kurz vor Beginn des Krieges auf die ewige Präsidentschaft Putins umgeschrieben wurde, musste es neu gedruckt werden. Mehrere Warane haben dafür mit dem Leben bezahlt. Aber was ist schon das Leben eines Warans, wenn die eigene Bevölkerung zu tausenden täglich unter Artilleriebeschuss stirbt, im sinnlosesten Krieg der neueren Geschichte.  

Das alte Grundgesetz wurde ebenso wie das neu gedruckte feierlich der Präsidialbibliothek übergeben. Angeblich befindet sich diese Bibliothek in dem berühmten Palast des Präsidenten am Kap Idokopas. Das Schloss wurde bereits vor dem Krieg von investigativen Journalisten auswendig gemacht, abfotografiert und von Alexej Nawalny und seinem Verein als Film ins Netz gestellt. Der Film avancierte in kurzer Zeit zu einem Blockbuster, er wurde hundert Millionen Mal angeklickt. Die russische Bevölkerung empört sich schon lange nicht mehr über Willkür und Korruption in den Machtetagen, doch hinter die Gardinen, in die Küchen und Schlafzimmer zu schauen, wie ihre Machthaber leben, welche Farbe ihre Tapeten im Gästezimmer haben und wie groß die Betten sind, daran finden sie immer noch großen Gefallen. Also staunte und lachte das Land über den schlechten Geschmack und die  schrägen Sitten seines Präsidenten, über seine „Aqua-Disco“ mit Strip- Stange, über den Fitness-Raum und vergoldete Klobürsten. Die Offenlegung seines Privatlebens hat dem Präsidenten damals weh getan. Böse Zungen behaupten, die Veröffentlichung dieser Aufnahmen und nicht die politischen Statements haben Alexej Nawalny das Leben gekostet. Die Überwachung am Kap Idokopas wurde verstärkt, das Schloss musste geschlossen und umgebaut werden. Es wurde dort Schimmel gefunden. „Wo Putin aufkreuzt, verschimmelt alles,“ lachten die investigativen Journalisten. Niemand sollte mehr über das Schloss berichten. Doch wir leben in einem gläsernen Zeitalter, nichts und niemand kann sich vor neugierigen Augen verstecken. Also hat sich wieder jemand als Bauarbeiter verkleidet ins Schloss einschleust und jedes Zimmer fotografiert. Der neue Film, pünktlich zu Amtseinführung veröffentlicht, hat bei weitem nicht so eine große Aufmerksamkeit bekommen. Es ist Krieg, das Land befindet sich im Ausnahmezustand und ein Ende der Kampfhandlungen ist nicht in Sicht. Die Nachrichten von der Front haben das umgebaute Schloss in den Schatten gestellt. Die Bauveränderungen lassen einen jedoch pessimistisch stimmen. Die Aqua-Disco ist verschwunden, zusammen mit der Strip-Stange. An ihrer Stelle steht jetzt ein Altar, es hängen dort nun Ikonen von Heiligen, die mit Speer und Schwert bewaffnet durch verwüstete Landschaften reiten. Daneben befindet sich eine Bibliothek mit heiligen Schriften und dem alten, in Waranhaut gebundenen Grundgesetz. Der Freizeitspaß hat dem Ernst des Lebens Platz gemacht. Das ist keine fröhliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass der Hauptbewohner des Schlosses über siebzig ist, unter Minderwertigkeitskomplexen leidet und Macht über das zweitgrößte Arsenal an Nuklearwaffen hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass seine Waffen wie sein Schloss verschimmeln und nicht einsatzfähig sind. Nach seiner Amtseinführung segnete ihn der Patriarch, er nannte Putin „Eure Hoheit “ und wünschte ihm, er solle „bis zum Ende des Jahrhunderts regieren“, so wurde die Rede des Patriarchen in den deutschen und europäischen Zeitungen wörtlich übersetzt. Am Ende des Jahrhunderts müsste Putin 150 Jahre alt sein, wunderten sich die ausländischen Beobachter. Wie ist das möglich? In Russischem ist diese Redewendung jedoch eine Metapher, eine Allegorie, die so viel wie „Bis ans Ende aller Zeiten“ bedeutet und für die Ewigkeit steht. Auch in der aktuellen russischen Hymne, die Russlands Macht verherrlicht und besingt und bei der Hochzeit, sprich Amtseinführung, gespielt wurde, heißt es „So war es immer und so soll es ewig bleiben“. Ein Reich, das nicht für die  Ewigkeit erschaffen wurde, ist eine Bruchbude.

Laut einer Volksweisheit soll eine Braut bei der Hochzeit etwas Altes, Neues, Geliehenes und Blaues haben. Hat sie das?

Russland hat einen alten Präsidenten, der gleichzeitig der neue ist, einen geliehenen Stolz über die Siege der Vorfahren und einen neuen Verteidigungsminister, den ehemaligen Wirtschaftsminister, der selbst dermaßen überrascht von seinem neuen Posten war, dass er ganz blau im Gesicht wurde. Dabei muss er als Verteidigungsminister nichts anderes machen als er ohnehin als Wirtschaftsminister gemacht hat. Die russische Wirtschaft ist zu einer Kriegswirtschaft geworden, es wird nichts mehr außer Militärgerät und Munition produziert und schnell verbraucht. Das Geld und die Mikrochips für die Waffenproduktion sollen auf Umwegen aus dem Ausland kommen, im Tausch gegen Georessourcen, der Handel wird zunehmend durch Sanktionen des Westens erschwert. Der neue Verteidigungsminister ist aber ein Experte für Kryptowährung und digitales Finanzwesen, er soll sich kümmern und liefern, damit Putins Armee weiter intakt bleibt. Ach so, den Groschen im Schuh haben wir noch vergessen, den muss die Braut auch noch haben, um die finanzielle Sicherheit in der Zukunft zu gewährleisten. Mit dem Groschen wird es langsam problematisch, in einem Haushalt, wo die Einnahmen permanent verschossen werden und die Soldaten immer mehr Geld für ihre Dienste haben wollen. Krieg ist teuer. Alle Reiche und Imperien sind daran gescheitert, obwohl sie alle, ohne Ausnahme mit einer Ewigkeit gerechnet haben. Doch eine andere Volksweisheit sagt, jede Ewigkeit geht schnell vorbei.


Meine Auftritte demnächst


Wladimir Kaminer

„Frühstück am Rande der Apokalypse“

25. Mai 2024 Göttingen – Deutsches Theater Göttingen | 19:45 Uhr

26. Mai 2024 Hamburg – Alma Hoppe | 19:00 Uhr

28. Mai 2024 Aachen – forum M / Mayersche Buchhandlung | 19:30 Uhr

07. Juni 2024 Westhofen – Gut Leben am Morstein (Open Air) | 19:30 Uhr

08. Juni 2024 Saarlouis – Theater am Ring | 20:00 Uhr

09. Juni 2024 Darmstadt – Centralstation | 18:00 Uhr

10. Juni 2024 Vellmar – Festival Sommer im Park | 20:00 Uhr

11. Juni 2024 Bremerhaven – Sommerbühne | 20:00 Uhr



WLADIMIRKAMINER.DE


Pünktlich zum Tag des Sieges, dem wichtigsten Fest des Landes, der in Russland traditionell am 9. Mai gefeiert wird, eröffnete mitten in Moskau, im „Park des Sieges“. eine Ausstellung abgeschossener und abgebrannter westlicher Militärtechnik.

Drei Dutzend Panzer, Abschussrampen und Kanonen, von den Organisatoren sorgfältig in alle Farben der NATO-Länder bemalt, ziehen die Besucher in Mengen an, Familien mit Kindern, Schulklassen, Jugendliche, Rentner und chinesische Touristen, die neuerdings Moskau überfluten. Im chinesischen TikTok ist die Moskauer Ausstellung zu einem Hit geworden, milliardenfach angeklickt. Die Hauptexponate sind zwei große Panzer, der deutsche Leopard und ein bis zur Unkenntlichkeit ausgebrannter amerikanischer Abrams. Niemand will sich den Spaß verkneifen, einen Selfie mit dem amerikanischem Panzer im Hintergrund zu machen. Der deutsche Leopard hat bereits vor der Eröffnung der Ausstellung in den russischen Propagandanachrichten eine Hauptrolle gespielt. Es wurde gezeigt, wie die Russen mit einem speziellen Kran versuchen, die Kanone des Panzers nach unten zu biegen. „Es war nicht leicht, aber wir haben es geschafft,“ sagte im Film der Ausstellungsverwalter. Die ukrainischen Militärexperten wunderten sich, dass die russische Seite so leichtsinnig mit eroberter Technik umgeht. Sie hätten diese Panzer doch auseinandernehmen, ihre Panzerung und die Technologie der neuen Waffen-Generation studieren und verstehen können.

Stattdessen machen sie daraus eine Publikumsattraktion. Anscheinend ist für die Russen der Propagandaeffekt wichtiger als die Technologie.

Diese Ausstellung macht noch einmal die schlichte Wahrheit deutlich, dass es bei diesem unsäglichen Krieg nicht um die Eroberung der Ukraine geht. Es ist ein Aufstand des russischen Regimes gegen eine Weltordnung, die von liberalen Demokratien des Westens diktiert wird.

Die Ukraine ist zufällig zur Zone des Konflikts geworden, sie war sozusagen zur falschen Zeit am falschen Ort. In den russischen Propagandanews erzählen die Soldaten, die oft frisch aus dem Knast an die Front geschickt wurden, wofür sie kämpfen. Einige von ihnen hatten eine spektakuläre kriminelle Kariere hinter sich. Der vor kurzem an der Front interviewte Kannibale aus Chabarowsk, der dort zwei Mädchen ermordete und zerstückelt hatte, sagte, er möchte nicht in einer Welt leben, wo Kinder bereits in der Grundschule lernen müssen, wie man richtig Kondome überzieht. Der Kannibale meinte, er sei bereit dafür zu sterben, damit es nicht passiert, westliche Werte sind Gift und bringen Verderbnis. Die Meinung des Kannibalen stimmt mit der Meinung der Regierung überein. Deswegen wird im Park des Sieges die NATO-Technik ausgestellt, die diese tödlichen Werte verbreiten sollte, aber nicht konnte. Und die Bevölkerung fühlt sich gut geschützt.


Was haben der Anführer des Weltproletariats und ein deutscher Philosophieprofessor aus Königsberg gemeinsam? Sie haben am gleichen Tag Geburtstag. Und zum ersten Mal in der Geschichte meiner Heimat wurde der Geburtstag von Immanuel Kant größer und lauter gefeiert als der von Lenin. Zuerst der russische Präsident, dann der Gouverneur von Kaliningrader Gebiet und schließlich alle Regierungsmedien Russlands haben Kant zum Jubiläum gratuliert. In Kaliningrad wurde ein Internationaler Philosophie-Kongress abgehalten, unter dem Motto „Kant – eine russische Trophäe“. Der junge Gouverneur des Kaliningrader Gebiets Alichanow eröffnete den Kongress mit einer Anschuldigungsrede, er gab dem deutschen Philosophen die Schuld für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Der Gouverneur behauptete, bereits der Erste Weltkrieg habe auf Grundlage des Kantischen Imperatives begonnen. Auch den aktuellen Konflikt in der Ukraine habe Kant, der geistige Väter des verdorbenen liberalen Westens angestachelt. Im Saal des Kongresses anwesenden Philosophen, die aus privaten oder beruflichen Gründen es nicht geschafft haben, zeitig ihre im Wahn des sinnlosen Krieges versunkene Heimat zu verlassen, nickten dem Gouverneur mit Verständnis zu. In solchen Fällen ist es immer besser, nicht zu widersprechen, man weiß nicht, was die Redeschreiber des jungen Politikers zuhause rauchen, es muss auf jeden Fall starkes Zeug sein. „Kant wird als ideologische Waffe gegen Russland benutzt, die Ideen seiner politischen Philosophie werden heute angewendet um die russische politische Führung zu diskreditieren, mit seinem Namen versucht der Westen die Körner des Separatismus in Kaliningrad zu sähen. Wir müssen mit dieser Trophäe vorsichtig umgehen und sie gegen unsere Feinde, gegen den liberalen Westen richten“ so fasste es der Gouverneur zusammen.

Der russische Präsident, der vor diesem Hintergrund einen gemäßigten weisen Anführer spielt, behauptete dagegen, Russland agiere streng nach Kant und will nur den ewigen Frieden. Für alle unerwartet mischte sich plötzlich der Bundeskanzler Olaf Scholz in diese philosophische Debatte ein. Mutig und entschlossen hatte in letzter Sekunde den Kant dem russischen Diktator quasi aus der Hand entrissen. Putin habe nicht das geringste Recht den großen deutschen Philosophen an seiner Seite herumzuzeigen! sagte Olaf Scholz in seiner Festrede zum Kants Geburtstag. Damit war die Ehre des Philosophen gerettet. In dem ganzen philosophischen Schlamassel ist nun der Führer des Weltproletariats samt seinem Geburtstag vollkommen in Vergessenheit geraten. Wladimir Lenin wurde von Putin nicht erwähnt und von Scholz ignoriert. Nicht einmal die Pioniere mit Blumen sind zu ihm gekommen.

  Er liegt still in seinem Kristallsarg auf dem Roten Platz und nimmt an der aktuellen Debatte nicht teil, ganz nach Kantischem Imperativ: wenn Du nichts zu sagen hast, schweig.     


Heute feiert Portugal fünfzigjähriges Jubiläum seiner Nelkenrevolution.

Damals kamen die enttäuschten Rückkehrer aus dem Kolonialkrieg zurück, sie hatten keine Möglichkeit, ihre Regierung verbal über die Sinnlosigkeit der Kolonialkriege aufzuklären und gingen mit Gewehren auf die Straßen Lissabons. Der Diktator war zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile tot, seine Anhängerschaft wusste mit der Revolution nicht umzugehen. Das Volk hat die „April- Kapitäne“ mit Blumen auf der Straße begrüßt und so ist die letzte Diktatur Westeuropas, nach 48 Jahren Herrschaft, einigermaßen friedlich zu Ende gegangen.  

Ich bin nach Lissabon gereist, um an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, neben mir saßen vier Frauen auf der Bühne, die diese Revolution persönlich erlebt hatten, eine Widerstandskämpferin, eine Historikerin und eine Anthropologin. Wir sprachen über den Charme der Diktatur. Ich bewunderte die Geduld der Portugiesen. 48 Jahren sind eine lange Zeit. Salazars Regierung hinterließ ein kaputtes Land, eine katastrophal verarmte Bevölkerung und eine Jugend, die permanent in sinnlosen Kriegen verheizt wurde. Doch viele schienen diesen Salazar zu mögen. Er kam nicht aus dem Militär, mochte mehr die Geheimdienste als die Armee, ein Zivilist, ein Buchhalter, der Jahrelang im Finanzministerium den Sessel gedrückt hatte, bevor er Diktator wurde. Ein unauffälliger bescheidener zurückhaltender Mann, kein Tribun und kein Charismatiker, der ungern vors Volk trat, seine Dienstreisen aus eigener Tasche bezahlte und sein Privatleben geheim hielt, genau wie Putin, der in die Kirche geht und stets von konservativen Werten und den Schutz der traditionellen Familie spricht, selbst aber ein geschiedener Mann ist, der seine Liebschaften versteckt und seine zahlreichen Kinder geheim hält.   

Mithilfe seiner Geheimpolizei erledigte Salazar alle seine politischen Gegner, lockte seinen Hauptfeind aus dem Ausland und tötete ihn kaltblütig. Er führte permanent Kriege im Ausland, das er nicht als Ausland, sondern als Teil seines Staates betrachtete. Er wollte, wie Putin in der Ukraine, die Angolaner und Mosambikaner mit Waffengewalt überzeugen, dass sie in Wahrheit Portugiesen sind. Sie glaubten ihm nicht und leisteten Widerstand. Fast ein halbes Jahrhundert hielt er das Land mit Angst und Propaganda fest in der Hand. Und die Menschen sagten sich, dann ist es so, wir können eh nichts tun, dann besser so als gar nichts. Und irgendwann fanden sie sogar Gefallen an seiner starken Hand, sie waren als mündige Bürger entlassen und widmeten sich dem Privatleben.

Der Charme der Diktatur besteht aus vollkommener Verantwortungslosigkeit des Volkes. Der Diktator allein übernimmt die Verantwortung. Nicht zufällig äußert der Pressesprecher des Kreml über das Privatleben des Präsidenten, er habe keine Zeit für solche Spielchen, er sei mit Russland verheiratet. Dieser Logik folgend muss der Diktator die gesamte Bevölkerung des Landes für seine Kinder halten, die er mit Mütterchen Russland gezeugt hat. Als strenger aber gerechter Vater sieht er sich in der Pflicht, diese Kinder zu erziehen und er weiß, das schlimmste, was den Kindern passieren kann, ist der Verlust des Vaters.  

Heute fragen sich viele, glauben diese Diktatoren wirklich im Ernst an die heilende Kraft ihrer Diktatur, an ihre Vaterrolle? Die Antwort ist ja, besonders wenn die Diktatoren alte weiße Männer sind. Irgendwann kommen sie alle zum Schluss, dass sie allein die Weltordnung auf ihren schmalen Schultern tragen, und wenn sie gehen, versinkt die Welt im Chaos. Sie allein sind für den Lauf der Welt zuständig, ohne ihren Einsatz werden die Sonne und der Mond nicht zeitig aufgehen, alles hier muss von ihnen in mühsamer Handarbeit gemacht werden. Ihre Bürger  halten sie für Kinder und Kinder dürfen nicht mit dem Feuer der Freiheit spielen. Wenn man sie nur lässt, werden sie sofort irgendwelchen Schurken oder Dummköpfen hinterherlaufen  und das Land geht vor die Hunde. Also wird das Volk in einem künstlichen Kinderkoma gehalten, es kann nichts und darf nichts so lange der Diktator lebt. Zum Glück wurde ein Mittel für die Unsterblichkeit noch nicht erfunden und deswegen enden die Diktaturen in der Regel  mit dem Tod des Diktators. Sie hinterlassen ein Chaos und ein kaputtes Land. Und nach einer Weile sehnen sich die Menschen wieder nach einer starken Hand. Die Tatsache, dass diese Hand für das Chaos danach verantwortlich sein wird, entgeht ihrer Aufmerksamkeit.


Meine Lesewoche: Mittwoch und Donnerstag lese ich in den Berliner Wühlmäusen und fahre dann nach Sachsen: Dippoldiswalde, Coswig, Köthen.. Oh Sachsen!
Alle sind willkommen


Der Internationale Frauentag in tausendjährigem Reich.

Via Oleg Pschenichnij


https://www.ndr.de/…/Wanderfruehling-Mit-Wladimir…

Anfang April ist eine perfekte Zeit, um einen Kurzurlaub an der Ostsee zu machen, die Mücken und Touristen sind noch nicht da, die Sonne lächelt ab und zu durch die Wolken, sie zwinkert kurz und verschwindet wieder, mal regnet es und ein Regenbogen zeigt sich, verschwindet aber genauso schnell wie die Sonne. Alles an der Ostsee ist permanent am Verschwinden, die Landschaft ist nicht wasserdicht, die Insel Rügen ist von etlichen kleinen und klitzekleinen Inselchen umzingelt, einige sind längst unter Wasser verschwunden, zum Beispiel Schnakenwerder, die sagenumwobene Mückeninsel, die der Putbuser Fürst einmal bei einer unglücklichen Schachpartie an seinen dänischen Fürstenkollegen verspielte. Damals war es gang und gäbe, um Inseln zu spielen. Der Putbuser Fürst hatte sich ablenken lassen, die Dame mit dem Pferd verwechselt, einen falschen Zug gemacht und schon war es um die Insel geschehen. Zur Schadenfreude der Putbuser wurde die Insel kurz danach durch Sturmhochwasser überflutet und erodiert, verschwand unterm Wasser und ist heute nur noch als eine Untiefe im Greifswalder Bodden und Sperrgebiet für Schiffsverkehr auf den deutschen Karten existent. Die verschwundene Insel wurde auf dem Bild des berühmten deutschen Malers Kasper David Friedrich „Die Landschaft mit dem Regenbogen“ verewigt, der Regenbogen auf dem Bild geht von der Insel Wilm in die untere rechte Ecke und knallt auf die Insel Schnakenwerder. Doch das Bild ist auch verschwunden, es wurde nach dem Krieg von zwei amerikanischen Offizieren in die USA mitgenommen und verschwand dort spurlos. Was aber von dem ganzen Schwund hier eindeutig übriggeblieben ist, ist die Insel Wilm, sie wurde weder verspielt noch überflutet und nicht in die USA oder die Sowjetunion abtransportiert. Diese heute unbewohnte Insel war lange Zeit eine Urlaubsresidenz der inzwischen verschwundenen Regierung der ebenfalls verschwundenen DDR. Angeblich haben hier Honecker und seine Minister heimlich Westfernsehen geguckt. Zu diesem Zweck haben sie eine Antenne auf die Insel angebracht und sich in Schweden Fernsehgeräte gekauft. Sie wollten die Kontakte mit den Einheimischen vermeiden, doch ganz ohne Kontakte ging es nicht und so wurde einmal ein DDR-Minister von einem Einheimischen verprügelt. Daraufhin hat man die Insel abgesperrt und eine badefreie Zone um die Insel herum verordnet. 12 Polizisten wurden auf der Insel ganzjährig stationiert. Ich stellte mir vor, wie Honecker hier mit seinen 12 Polizisten lebte, ob sie zusammen in der Kantine speisten, die hier „Gesellschaftshaus“ hieß, wie Jesus mit seinen Jungen. Und was haben die Polizisten das ganze Jahr über hier gemacht, wenn Honecker weg war? Haben sie auch Westfernsehen geguckt oder sind sie schwimmen gegangen? Haben sie FKK betrieben, liefen sie nackt herum? Vielleicht haben sich einige von innen zu Naturschützern umschulen lassen und führen nun Wellenvermessungen durch.