05.10.2026
Russendiskonews Oktober 2026
Niemand in Moskau spricht mehr von einer „speziellen Operation“, angesichts der brennenden Raffinerien, Lagerhallen und ratternder Flugabwehr rund um die Hauptstadt wäre es lächerlich und unglaubwürdig von irgendeiner „Operation“ zu reden und den Krieg weiter von der eigenen Bevölkerung zu verstecken. Nun heißt der Krieg „Krieg“ und wird in der offiziellen Sprache des Kremls als „Krieg gegen den Westen“ präsentiert. Das ändert vieles in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Während die spezielle Operation irgendwo hinter sieben Bergen vor sich hin ballerte, zeitlich unbegrenzt war und sich endlos hätte hinziehen können, ohne große Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu erregen, braucht der Krieg einen schnellen Sieg. Der fehlende Sieg in diesem Winter würde eine Niederlage des Regimes bedeuten. Also wird in Moskau krampfhaft nach einem Sieg gesucht.
Auf den Schlachtfeldern der Ostukraine, das sagen alle Experten, ist ein schnelles Vorwärtskommen nicht möglich.
Während die russischen Söldner an einem Frontende ein Dorf besetzen, befreien die Ukrainer am anderen Ende zwei. Dieses ständige Hin und Her sieht nicht nach einem Sieg aus. Mikroskopische territoriale Eroberungen bringen nur mehr Gefahren mit sich und sind schwer als Sieg zu verkaufen
Der andere Weg zum Sieg wäre, die zivile Infrastruktur der ukrainischen Bevölkerung mit Luftangriffen nachhaltig zu zerstören. Unter diesen Bedingungen würden sie Druck auf ihre politische Führung machen, um sie zur Kapitulation zu bewegen. Deswegen hagelt es Raketen auf Charkow und Kiew, die Sirenen hören Tag und Nacht nicht auf zu heulen. Ein Freund von mir, der gerade von Kiew nach Berlin reiste, erzählte, er leide auch in Deutschland unter den Phantom-Sirenen, die er nun ständig in den Ohren hat und zuckt jedes Mal, wenn ein Flugzeug am Himmel erscheint, zusammen. Der Himmel über der Ukraine ist für den zivilen Flugverkehr seit viereinhalb Jahren geschlossen, nur Bomben, Raketen und Drohnen fallen vom Himmel.
Die Einschüchterung der ukrainischen Bevölkerung wird jedoch nicht klappen, meint mein Freund. Zum einem haben die Ukrainer schon etliche Winter unter Beschuss hinter sich, zum anderen sind sie jetzt in der Lage zurück zu bomben. Blackouts auf russischem Territorium können in bevorstehendem Winter eine große Überraschung für die Russen werden.
Die andere Neuigkeit, die die russische Bevölkerung verunsicherte, war die fehlende Luftabwehr im Hinterland.
Die Regierung äußerte sich dazu, die Verteidigung der Raffinerien und Lagerhallen seien den Firmen zu überlassen, deren diese Objekte gehören. „Die Rettung der Ertrinkenden liegt in der Obhut der Ertrinkenden“ Sie müssen sich ihre eigene Luftabwehr schaffen.
Aus dem Bauch des Volkes kam ein leises Flüstern: „Wo ist denn die Raketenabwehr? Geklaut!“
Noch eine mögliche Variante des russischen Sieges wäre die politische Destabilisierung Europas, deswegen hatte die Wahl der AfD in Sachsen- Anhalt von den russischen Medien mehr Aufmerksamkeit bekommen als die eigenen Parlamentswahlen und ihr Ausgang wurde frenetisch gefeiert.
Mit ebenso großer Hoffnung schaut das Regime nach Frankreich, dort könnte bald Marie Le Pen regieren.
Man verspricht sich von den Rechten(!) das Ende der Waffenlieferungen in die Ukraine und eine Verbeugung vor der russischen Streitmacht. Gleichzeitig werden Angriffe auf die europäische Infrastruktur geplant.
Die naive Phantasie, die Rechten seien Russlands Freunde, ist ein Missverständnis, absolutes Wunschdenken. Es gibt sicher in den Reihen der deutschen Rechten alle möglichen Personen und einige halten sich sicher für russlandfreundlich, doch im Kern waren die Rechten niemals Pazifisten. Sollte ihre Heimat, egal wie, von den Russen angegriffen sein, werden sie die letzten sein, die mit Plakaten „Make love, not war“ auf die Straße gehen. Und auch Marine Le Pen änderte inzwischen ihre Rhetorik und möchte nun die EU verteidigen.
Eine Zeitlang schien es, die beispiellose Schwäche der amerikanischen Außenpolitik, die das Land ihrem Präsidenten zu verdanken hat, könnte den Russen zum Sieg verhelfen. Der Amerikaner kann pathologisch keine Koalitionen schließen, wie ein einsamer Batman fliegt er durch die Welt und möchte ganz allein nur durch die Kraft seines furchterregenden Intellekts alle Konflikte beseitigen. Zum Glück scheint dem Batman nun der Sprit ausgegangen zu sein, er summt mehr als er fliegt.
Es steht fest, der Krieg, den Russland entfesselt hat, veränderte die politische Architektur in Europa und zersetzte Schritt für Schritt das Konzept der europäischen Sicherheit.
Zum Einen funktioniert die nukleare Abschreckung nicht mehr. So wie die Feinde Amerikas keine Angst mehr vor dessen Atomraketen haben, wird im Osten die Atommacht Russland ebenfalls ignoriert.
Zum Anderen kam es zu einer „Partisanisierung“ des Krieges. Der Krieg findet nicht mehr an der Frontlinie statt, sondern überall oder nirgendwo. Man braucht keine Armee und keine Panzerkolonnen mehr, um Krieg zu führen. Eine Schülergruppe, die Codes für KI schreiben kann, ist in der Lage die Versorgungsnetze einer Großstadt lahm zu legen, ebenso Flughäfen .
Die Partisanisierung schreitet voran, überall auf der Welt kämpfen Menschen mit und ohne Uniformen, mit und ohne Abzeichen, unter falschen Flaggen oder ganz ohne eine. Hisbollah und Hussiten, iranische Milizen und russische anarchistische Trupps auf der Seite der Ukraine. Die Nachrichtendienste konnten sich früher auf den Feind fokussieren und ihn beim Namen nennen. Die Terrorgruppen übernahmen selbst die Verantwortung für ihre Anschläge. Heute ist es kaum möglich, den Feind zu identifizieren und die Verantwortung wird von niemandem mehr übernommen.
Die Welt schwimmt in Verantwortungslosigkeit.
Vor diesem Hintergrund darf Europa nicht nachlassen. Sie soll an einer Niederlage Russlands arbeiten, ohne sich in einen direkten Konflikt einmischen zu lassen. Nur eine Niederlage kann Russland heilen, sein Sieg würde das Land für unabsehbar lange Zeit in einen schlimmen Totalitarismus münden lassen. Diese russische Niederlage könnte verschieden aussehen, der wirtschaftliche Druck, der die Finanzierung der Armee behindert, die Ermöglichung von Cyberattacken auf kommunikative Systeme des Regimes und natürlich die Bewaffnung der ukrainischen Armee.
In diesem Winter wird, so hoffe ich, das letzte Kapitel dieses unsäglichen Krieges geschrieben, die Soldaten kommen wieder nach Hause und die Welt bekommt eine Verschnaufpause. Dann sehen wir weiter.
04.10.2026
Drei Fragen spiegelten sich asap
im Blick des jungen Mannes:
Wo bin ich? Wer sind die ganzen Clowns?
Und wo bitte geht es hier raus?
24.09.2026
Meine herbstliche Lesereise geht weiter:
Heute trete ich im Casino Baden-Baden auf, am Dienstag nächste Woche in Detmold,
am Mittwoch in Berlin, in den Wühlmäusen. Danach bin ich Solingen und Nienburg.
Und dann schauen wir mal weiter. Das Bild von Tilkowa E.P. heißt “Die Hilfe ist da”. 1975
18.09.2026
Russendiskonews September 26/II
Was passiert eigentlich gerade?
Die Luftangriffe auf die Ukraine wurden intensiviert, Kiew ist zu einer Frontstadt geworden, die Bomben und Raketen fallen täglich vom Himmel. Das neue Schuljahr in Kiew wird daher wahrscheinlich nicht stattfinden, es wäre für die Kinder zu gefährlich, unter diesen Umständen zur Schule zu gehen.
Als Reaktion darauf hat der ukrainische Präsident verkündet „den Himmel über Russland zu schließen“. Geht das? Ja, nach aktuellen Sicherheitsregeln muss ein Flughafen geschlossen werden, wenn eine Drohne nur in der Nähe gesichtet wurde und gescheite Pläne für Drohnenabwehr an zivilen Flughäfen existieren in Russland nicht, genau wie in Deutschland, man handelt nach Gefühl.
Eine Eigenheit dieses sehr speziellen Krieges ist: seine „Graue Zone“, die eine klare Frontlinie ersetzt, ist dehnbar.
Sie kann sich auf das ganze Land und darüber hinaus ausweiten. Russische Flughäfen gehören auf einmal dazu, als nächstes könnten Brücken, Eisenbahnknoten und Kraftwerke dazukommen.
Die Friedensverhandlungen scheitern an den territorialen Ansprüchen des Angreifers, weil Russland fünf Gebiete eines anderen Landes in seine Verfassung eintragen lies. Diese Tatsache verhindert jede Friedensinitiative, denn weder Papst noch Trump noch Mickey Maus will die Annexion der fremden Gebiete als russisches Territorium anerkennen.
Das neue in diesem fünften Kriegsahr ist, dass Europa sich faktisch als Verbündete Ukraines positionierte. Deutschland wurde zum Hinterland und stärkt Ukraine den Rücken, hilft ihr bei ihrer Verteidigung. Als Reaktion darauf wird Deutschland mit Anschlägen auf Infrastruktur konfrontiert, es werden in Eile, Einwegdiversanten von russischer Razvedka angeworben, die allem Anschein nach, sehr ungeschickt agieren.
Es wurden Versuche unternommen, in das politische Geschehen Europas einzugreifen, am linken und rechten Rand der politischen Szene nach Willigen zu suchen, die in der Lage wären, die politische Lage in Deutschland zu destabilisieren.
Hat diese Politik des Wahnsinns eine Chance, eine Erfolgsaussicht? Die Chance ist eine blanke Null. Sie ist der gleichen wahnsinnigen Überschätzung der eigenen Macht entsprungen. Als ob es nicht schon wahnsinnig genug wäre, einen Krieg in Europa zu entfesseln, in das Nachbarland einzumarschieren und sein Territorium in die eigene Verfassung einzutragen.
Es gibt keine vernünftige Erklärung für diese Politik. Der selbsternannte „Präsident“ läuft auf der Treppe des Wahnsinns immer höher und immer schneller, die ganze Welt schaut erstaunlich hin, hinter den Kulissen werden Wetten geschlossen, auf welcher Stufe er ausrutscht.
15.09.2026
Russendiskonews September 2026
Die britische Zeitschrift „The Economist“ hat ihren analytischen Bericht über die Kriegspläne des Kremls mit der schmissigen Überschrift versehen „Sie werden mich hängen“.
Den Satz soll der russische Präsident in engem Kreis gesagt haben, um seinen Unwillen zu begründen, einer Feuerpause zuzustimmen. Die britische Zeitschrift hat, nach eigener Aussage, vertrauliche Quellen in Moskau, also wurde der Bericht von etlichen Zeitungen zitiert und übernommen.
Auf die Frage, wer genau „Sie“ sein sollen, vor wem der russische Präsident eine solche Angst hat, auf diese Frage wird in dem Artikel nicht eingegangen. Wer soll ihm Böses wollen, wenn er seinen Krieg einfriert? Der hinterhältige Westen? Die ukrainischen Streitkräfte? Die eigenen enttäuschten Turbopatrioten? Die Soldatenmütter? Die Kriegsveteranen? Und hat er den Satz wirklich gesagt? Es sind nur Gerüchte.
Fakt ist jedoch, vor der Wahl zwischen einem Ausbremsen des Krieges und seiner Eskalation gestellt, hat die russische Führung sich klar und deutlich für eine Eskalation entschieden. Im Spätsommer fanden in Moskau zwei Sitzungen des Sicherheitsrates statt, es ging um die Entwicklung neuer Waffensysteme und um den Schutz der eigenen Infrastruktur.
Die Befehlshaber der beiden Armeegruppen, die in der Ukraine kämpfen, der Gruppe „Center“ und der Gruppe „Ost“ wurden entlassen, neue Generäle haben den Befehl bekommen, um jeden Preis bis Ende des Jahres, spätestens aber bis Frühling 2027 die Ostukraine komplett zu besetzen. Danach sollte die Armee umstrukturiert werden, um bis zum Jahr 2029 die ukrainische Verteidigung gänzlich zu brechen.
Als Kriegsgewinner, umgeben von Kriegshelden und Veteranen möchte der russische Präsident als Führer der Kriegsgewinner-Partei 2030 feierlich seine neue, sechste, siebte oder achte? Wer zählt sie schon, Amtszeit antreten. Der alte Mann fühlt sich gar nicht alt, er schaukelt nicht beim Gehen, nur seine Witze werden immer blöder, was überall auf der Welt als sicheres Zeichen des Älterwerdens gilt.
Zu seinen neuen Generälen hätte er diesen Witz machen können und ihnen sagen: „Wenn ihr nicht liefert, werden sie uns alle hängen.“ Mit „Sie“ ist die ganze Welt draußen gemeint, denn treue Verbündete hat Russland zurzeit keine, außer Nordkorea und Iran.
18.08.2026
Russendiskonews August 2026/III
In Berlin ist Wahlkampf und beinahe jede Partei versucht neben ihrem Programm mit „Frieden“ zu punkten, denn „Frieden“ hört sich supergut an. Es hört sich phantastisch an, würde man es nicht bloß als hohle Floskel missbrauchen.
Abstrakte Humanisten werben für „Frieeeden“ ohne konkretes Handeln und ohne Verstehen, wie das real auszusehen mag.
Die mit Wahlplakaten bestückten Straßenlampen in Berlin leuchten vor Frieden. Die eine Partei ist gegen die Verwahrlosung der Hauptstadt und für den Frieden, die andere gegen die Wohnungsnot und für den Frieden.
Die dritte möchte den Klimawandel bekämpfen und ist selbstverständlich für den Frieden.
Dieser abstrakte Friedenswunsch wirkt irritierend, er setzt voraus, dass irgendwo an einer anderen Straßenlampe, vielleicht ganz oben, ein Plakat von einer bösen Partei hängen würde, die gegen den Frieden ist. Doch egal wie hoch man klettern würde, auf keiner Straßenlampe findet sich eins für den Krieg.
Auch im Angreiferland ist die Mehrheit für den Frieden, für eine sofortige Beendigung des Krieges.
Die Mikropartei Jabloko, die sich als Antikriegspartei für die russischen Parlamentswahl im Herbst positioniert hatte und mit dem schlichten Slogan „Für Frieden und Freiheit“ auftrat, hat auf Anhieb so viel Unterstützung in der Bevölkerung bekommen, dass die Hosen im Kreml nass wurden. Also musste das Regime diese Partei in einem peinlichen, schnell gebastelten Gerichtsverfahren von der Wahl ausschließen und ein paar wichtige Parteifunktionäre inhaftieren, damit auf der Straße wieder „Frieden“ ist.
Auch in Kreml träumt man nämlich vom Frieden, man möchte so schnell wie möglich die Ukraine plattbomben, die Regierung in Kiew stürzen und die Nato in die Schranken verweisen, gleich danach ist Frieden angesagt.
Die Hitzköpfe im russischen Fernsehen, die gefühlt jeden Abend den Einsatz von Atomwaffen beschwören, reden ebenfalls vom Frieden. „Wie lange soll dieser unsägliche Krieg noch weiter hinziehen? Wir haben doch Atomraketen, ein gezielter Abschuss, irgendwo in Europa, wo die ganzen ukrainischen Unterstützer sitzen und am nächsten Tag haben wir Ruhe im Karton! Dann ist Frieden!“
Inzwischen scheint dieser Friedensplan vom Tisch, die Ukraine besitzt mittlerweile Langstreckenraketen, die russische Atomkraftwerke oder große Chemiebetriebe sprengen könnten, sollte der Angreifer es mit der Bombe ernst meinen. Die darauffolgende Antwort wäre für Russland nicht hinnehmbar.
Der zweite Friedensplan des Regimes wäre eine großangelegte Mobilisierung im Herbst durchzuführen und eine Riesenarmee in Richtung Kiew marschieren zu lassen.
Logistisch kaum machbar, militärisch wenig erfolgsversprechend, ist die Vogelscheuche der bevorstehenden Mobilisierung in Russland trotzdem zum unausgesprochenen August-Hauptthema geworden, obwohl alle Machthaber, die Abgeordneten des Parlaments, die Mitglieder des Sicherheitsrates, die Generäle des Verteidigungsministeriums, sich mehrmals eindeutig geäußert haben, dass es keine Mobilisierungspläne für den Herbst gibt. Je öfter und lauter sie es versichern, umso weniger glaubwürdig klingt das fürs Volk.
Warum sollen sie immer wieder im Fernsehen betonen, das keine Mobilisierung geplant ist, selbst wenn keiner fragt.
Für eine großangelegte Mobilisierung bedarf es aktuell in Russland keine Gesetzesänderung. Die vom Präsidenten vor vier Jahren angekündigte Teilmobilisierung und die Einberufung auf Kontraktbasis läuft, wenn auch nicht ideal, immer weiter. Nach erfolgreichen Werbekampagnen in den russischen Strafanstalten, unter den Langzeitarbeitslosen, Privatinsolventen und Unterhaltszahlungsverweigerern werden nun junge Menschen mit Intelligenz gesucht. Und mit musikalischem Gehör.
Das Bildungsministerium möchte 2% der Studierenden dieses Jahr in Uniformen stecken. Die kreativsten Bildungsstätten mit einst gutem Ruf: Die Russische Filmakademie, das Architekturinstitut, das Konservatorium in St. Petersburg werben im großen Stil für neue Ausbildungskurse: Die Studenten sollen Drohnenführer werden, die Ausbildungszeit wird ihnen als Urlaubssemester angerechnet, eine einmalige Belohnung von 4 Millionen Rubel und ein Jahresgehalt von sechseinhalb Millionen soll ihnen diesen Lebenswandel versüßen.
Danach ein Jahr lang Drohne fliegen lassen und dann wieder zurück an die Kunstakademie. Ganz vorne bei diesem Angebot steht das Konservatorium, ursprünglich eine Fachschule für Musik und Gesang. Dort wird am heftigsten rekrutiert. Entweder gemäß der Weisheit „Wenn die Drohnen donnern, schweigen die Musen“ oder braucht man zum Drohnenführen wirklich ein musikalisches Gehör?
12.08.2026
Russendiskonews August 2026 Teil II
Der kurze Abenteuerurlaub der marokkanischen Jugend am Strand von Ceuta hat die russischen Medien Anfang des Monats in helle Aufregung versetzt, der Vorfall wurde als lang ersehntes Ende von Europa gefeiert und mit dem Untergang des römischen Reiches verglichen.
Auch meine geflüchteten Landsleute in Deutschland, also diejenigen, die es vor vier Jahren geschafft hatten, nach dem unerwartetem Ausbruch des Krieges in der Ukraine ihre plötzlich im Rinderwahn versunkene Heimat zu verlassen, haben den Vorstoß der marokkanischen Jugend über die spanische Grenze ebenfalls mit Entsetzen kritisiert.
In den russischsprachigen sozialen Medien berichteten unzählige frischgeschlüpfte Experten für spanisch-marokkanische Beziehungen über die furchtbaren Gefahren, die diese mit Schwimmringen ausgestattete Jugend für die Europäische Union bedeutet. Ihre eigene Flucht haben die Experten dabei ausgeblendet.
Die illegale Migration von Kulturfremden habe mit der erzwungenen Umsiedlung der intelligenten Russen nach Europa selbstverständlich nichts zu tun. Sie waren alle unter Lebensgefahr vor der Mobilisierung geflüchtet um als „hochqualifizierte Spezialisten“ in der EU zu arbeiten und Steuern zu zahlen, während die marokkanischen Eintagsmigranten nur aus Spaß rübergeschwommen waren und nun auf den Straßen des spanischen Kurorts herumlungerten.
Besonders viel Aufmerksamkeit wurde den Schwimmringen gewidmet, die tatsächlich etliche Marokkaner mit sich trugen. Die meisten Toten von Ceuta waren ertrunken.
Hatten sie etwa kein Schwimmunterricht in der Schule?
Die Russen schon. OmG, hätte es eine solche Möglichkeit gegeben, aus Russland nach Europa ein paar Hundert Meter zu schwimmen, wären soo viele darüber glücklich gewesen. Doch eine solche Möglichkeit gab es für sie nicht. Deswegen waren die „hochqualifizierte Spezialisten“ jahrelang in den Bergen des Balkans und im Südkaukasus unterwegs, bevor einige von ihnen in der EU ankamen.
Nun wird in Russland wieder über eine neue Mobilisierung im Herbst gemunkelt und als Reaktion darauf wurden sofort neue Fluchtrouten gesucht. Sie gehen durch die Karpaten, ein Gebirge, das sich über ein Dutzend Länder ausstreckt, die zum Teil zur EU und zum Teil nicht zur EU gehören. Also trainiert sich die russische Jugend im Bergsteigen, da hilft schwimmen nicht.
Weniger anzeigen
11.08.2026
Das Projekt „Mensch und seine Verwandtschaft“ geht weiter und halleluja! Mein neues Buch erscheint nächste Woche: https://www.penguin.de/buecher/wladimir-kaminer-muettertage/buch/9783442302222
01.08.2026
Russendiskonews August 2026
Die Angreiferarmee schrumpft. Der Plan für das laufende Jahr war, eine halbe Million neue Rekruten an die Front zu schicken, der Plan stockt.
Ob man es glaubt oder nicht, es gibt kaum noch freil herumlaufende Männer im kriegstauglichen Alter im größten Land der Welt. Das heißt, es gibt schon welche, aber sie sind hinter der Frontlinie unersetzlich. Die Konzerne und Militärfabriken brauchen ihre Arbeitskräfte, es sind ein Paar Millionen Menschen, die mit einer Befreiung vom Armeedienst gesegnet sind.
Das gleiche gilt für den über eine Million Kader zählenden Polizeiapparat, dazu kommen noch die Nationalgarde und andere Abteilungen der Sicherheitskräfte, die unantastbare russische Innenarmee, insgesamt auf vier Millionen Menschen geschätzt, die für ein autokratisches Regime unabdingbar ist, um die drohenden Gefahren von innen im Schach zu halten. Auch sie suchen Personal.
Dabei fehlen in der aktiven Armee an der Front Soldaten, darüber wird permanent von den Militärbloggern berichtet.
Die Kriegslehre besagt, dass eine Armee, die eine Offensive führt, dreimal so hohe Verluste haben kann wie die Seite der Verteidigung. Doch im Fall des russische-ukrainischen Krieges wird dieser Unterschied von mehreren unabhängigen Beobachtern mit 1 zu 7 berechnet, bei manchen sogar mit 1 zu 8.
Als Grund für solche hohen Verluste auf der russischen Seite wird gewöhnlich die Überlegenheit der Ukrainer in der Luft und ihre von den Drohnen geschaffene „Kill Zone“ genannt.
Doch es gibt bei diesem Rätsel noch einen anderen Grund, der kaum beleuchtet wird. Der russische Krieg ist in vielerlei Hinsicht eine Modernität.
Er wird mit Söldnern geführt. Die Willigen unterschreiben die Kontrakte und gehen an die Front, dafür bekommen sie sogleich für ihre Unterschrift einen runden Batzen Geld. Diese Unterschrift verwandelt arme Menschen in wohlhabende, umgangssprachlich in „Millionäre“.
Ihre diensthabenden Offiziere, die beruflich verpflichtet sind, bekommen nicht einmal annähend so viel wie diese Soldaten. Sie haben eine militärische Ausbildung absolviert, einen Eid geschworen; sie sind dementsprechend in der Pflicht zu kämpfen und wenn nötig zu sterben.
Wenn ein Oberleutnant oder ein Major unter seine Führung hundert „Millionäre“ hat, so möchte er, ob aus Gier oder Gerechtigkeitssinn, an ihrem Gewinn beteiligt sein, er will an deren Geld. Letzten Endes ist das Leben der „Millionäre“ ganz allein von ihm, seinen Handlungen und Entscheidungen abhängig.
Sein Businessplan sieht dementsprechend wie folgt aus: so viel wie möglich von den Soldaten zu bekommen und sie danach möglichst schnell zu entsorgen, um neue noch nicht verdroschene frische „Millionäre“ unter seine Fittiche zu bekommen.
Und je mehr Verluste ein Offizier meldet, als desto kampffähiger wird seine Einheit anerkannt. Daraus entsteht eine paradoxe Situation.
Möglicherweise ist diese vom Staat gekaufte Armee die einzige der Welt, in der die Offiziere ein großes Interesse daran haben, möglichst viele Soldaten zu verlieren.
Laut Berichten der überlebenden Deserteure hat diese Art Geschäfte ein phantastisches Ausmaß erreicht. Zuerst werden die Soldaten vor die Wahl gestellt: Sie können sich von einer aussichtslosen Attacke freikaufen. Für die Ausrüstung, für einen bevorzugten Kampfplatz…für alles wird ein Preis verlangt.
Wenn das Geld alle ist, müssen sie dran glauben. Die neuen Soldaten sollen von den Regionen Russlands zur Verfügung gestellt werden, doch weil die Masche sich inzwischen herumgesprochen hat, sind sie nicht aufzufinden. Angefixt von dieser kannibalistischen morbiden Turbokorruption dreht sich der Fleischwolf des Krieges immer schneller.