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Eine großartige Nachricht erreichte uns letzte Woche, die achtzehnjährige Straßenmusikantin Diana alias Naoko und ihr Freund Alexander, Gitarrist der Band „Stopptime“, wurden nach einem Monat in U-Haft in der Polizeizelle St. Petersburgs überraschend freigelassen und seien, wie kundige Menschenhelfer schrieben, „in Sicherheit“, d.h. sie haben das Land verlassen. Sie waren verhaftet worden, weil sie unerlaubte Lieder von bereits aus dem Land geflüchteten  Musikern in der Öffentlichkeit gesungen hatten. Dem Staat war es diesmal nicht gelungen, wie üblich in solchen Fällen, ein Video mit ihren  Entschuldigungen zu veröffentlichen, eine patriotische Stellungnahme der beiden Musiker zum Krieg in der Ukraine oder Ähnliches aus den jungen Menschen zu prügeln. Aber eins ist dem Staat bestimmt gelungen, dachte ich, der Jugend Angst einzujagen. Singt noch jemand in der Öffentlichkeit?

Um die Jahreszeit ist es sowieso schwierig, draußen zu musizieren, viel zu kalt, die Finger frieren ein. Und niemand weiß, was man singen darf in diesem neuen Russland, man weiß nur, was man nicht darf. Die Verbotslisten werden von Tag zu Tag länger, sie werden wie am Fließband angefertigt und fleißig veröffentlicht. Die langen Listen mit verbotenen Büchern, verbotenen Songs, verbotenen Filmen und verbotenen Menschen, die man nicht erwähnen und nicht zitieren darf. Die Listen der erlaubten Menschen und Werke werden nicht veröffentlicht. Ist schon das meiste an Songs verboten oder noch erlaubt?

Im Winter spielen nur Verrückte auf der Straße. Eine Freundin schrieb aus Moskau, vor ihrem Wohnblock stand neulich ein Kind mit Brille und Gitarre und sang grottenschlecht: „Sie werden uns nicht faaangen/ Wir laufen weg/Weit von allen entfernt/ Alles wird einfach sein/ Die Nacht wird hereinbrechen/ Der Himmel wird über uns fallen/Sie werden uns nicht faangen“.

Der Junge sang das Lied von der Band TaTu von 2001, ein Lied, das älter war als er. Damals  waren es zwei Mädchen, die so taten als wären sie lesbisch. Sie küssten sich auf der Bühne. Und keiner wollte sie damals jagen, keiner wollte sie fangen. Die Luft roch nach Freiheit und alle dachten, es sei der normale Geruch der Welt. TaTu. Mir scheint, als wäre es gestern gewesen. Pass auf Dich auf, junger Mann.


Das Leben geht weiter! ich lese demnächst in Oldenburg, Hamburg, Münster, Hannover, Köln, Frankfurt, München und Dessau, alle sind willkommen.

Der natürliche Zustand der Menschen ist, in einer grundsätzlich nicht nachvollziehbaren Welt zu leben, die Angst davor zu überwinden und versuchen, dabei doch irgendwie Spaß zu haben.

Die Menschen führen nicht nur Kriege und schwurblern, sie verlieben sich, heiraten, feiern Hochzeiten, singen und tanzen. Auf dem Foto: Somalische Hochzeit


Russendiskonews am 22.11.2025

Neue russische Ideologie

Im russischen Grundgesetz, Artikel 13, steht, dass die russische Föderation keine Ideologie haben darf, die als staatlich und verpflichtend gilt. In der letzten Zeit haben sich jedoch das Grundgesetz und das Regime weit auseinandergelebt, Papier und Realität haben im heutigen Russland wenig Gemeinsames.
Und ohne Ideologie fehlt es dem Regime an Legitimität, es fehlt eine klare Antwort auf die Frage, was machen diese Ex-KGBler so lange im Kreml, warum sind sie noch da?

Jedes politische System wird mit solchen Fragen konfrontiert und selbst wenn es über Werkzeuge verfügt, die jedem Fragesteller sofort eine kräftige Kopfnuss austeilen, bleibt die Frage trotzdem über dem selbsternannten Chef hängen.
In einer Monarchie war die Herkunft für einen transparenten Machtwechsel ausschlaggebend, der Thronnachfolger erlangte die Macht aufgrund direkter Verwandtschaft mit dem vorherigen Herrscher und das Volk hat, mit wenigen Ausnahmen, keine Fragen gestellt.

In einer Demokratie ringen die von den Parteien aufgestellten Kandidaten im Parlament um die Gunst der Wählerschaft, es herrscht daher ein ständiges Rein und Raus in den Machtetagen.
Wenn aber eine Gruppe aus dem Hinterzimmer, im Fall Russlands - aus dem Komitee der Staatssicherheit, die Fäden des Regierens an sich reißt und sich da oben verbarrikadiert, muss sie ihre Legitimität der Bevölkerung irgendwie erklären, am besten durch eine Notsituation. Eine Diktatur braucht Ideologie und so etwas kann man nicht über Nacht aus einer Zeitung, einem Kasten Bier und der aktuellen Schlagerparade zusammenbasteln. Also arbeiten große Institute mit hunderten Beschäftigten Tag und Nacht daran, einen Ex-Oberst als Staatschef für immer zu legitimieren.

Mitte November veröffentlichte der Leiter des „Instituts der Präsidentenadministration für Monitoring und Analytik der sozialen Prozesse“ so umständlich heißt nun mal das heutige Ideologie- Ministerium, einen neuen programmatischen Text, der eine neue Ideologie konkret beschreibt, die demnächst „für patriotische Erziehung, Bildung und kulturelle Aktivitäten“ unablässig sein soll.
Für den Text mit dem alles erklärenden Titel „Wer sind wir“ wurden Zitate des Präsidenten aus den letzten 13 Jahren genommen, aneinander gereimt und zusammengefasst.

Im Zentrum steht ein unlösbarer Konflikt:

Russland als Widersacher Europass muss seine traditionelle russische Werte vor den hinterhältigen verdorbenen Europäern schützen. Denn die Russen unterscheiden sich grundsätzlich von allen anderen Völkern der Welt, meinen die Verfasser.

Die Russen seien gern im Kollektiv und verfolgen kollektive Ziele, während die Europäer individualistisch nur ihre privaten Interessen verfolgen.

Die Russen würden Moral über den materiellen Wohlstand stellen, die Europäer sind korrupt.

Die Russen möchten gern in einer traditionellen Familie leben, während die Europäer alles vögeln, was bis drei nicht auf dem Baum ist.
Und die Russen schätzen ihren Staat über alles, die Staatstreue liege ihnen im Blut. Das Wohl ihres Staates ist ihnen mehr wert als ihr eigenes, anders als bei den Europäern, die ganz egoistisch nur an sich denken und ihren Unwillen für ihr Land zu kämpfen hinter einem heuchlerischen Pazifismus verstecken.

Die Russen seien ein opferbereites Volk, jede Zeit bereit, für ihr Land zu sterben, auch im Kollektiv.

So also sind die Russen, laut dem offiziellen Dokument der Präsidentenadministration, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht wissen, sie haben so zu sein und es ist nur eine Frage der Zeit und der patriotischen Erziehung, bis alle Bürger darüber ausdrücklich informiert werden.

Man kann diese neue Ideologie Russlands mit einem Wort zusammenfassen: „Krieg“. Nur ein dauerhafter Krieg kann das Regime auf Dauer sichern. Es geht dabei nicht unbedingt um einen kinetischen Krieg mit Waffen und Soldaten, er kann auch mit Angst und Schmähung, mit Drohnen und Drohungen, mit AfD-Abgeordneten und verwirrten Schwurblern geführt werden, ein existenzieller Krieg, mit dem Ziel, den Westen zu brechen.

Dieser Krieg soll die heutige Führung auf unabsehbare Zeit an der Macht in Russland halten, ohne das Land international zu isolieren. Es bleiben noch andere Freunde, gerade hatte Russland ein Wirtschaftsabkommen mit der Taliban-Regierung in Afghanistan unterschrieben. Die afghanischen Exporte der landwirtschaftlichen Produktion werden ausgeweitet. Die Taliban liefert bereits nach Russland Äpfel, Lavendel und Melonen.

Das frühere aus der Gorbatschows Zeit stammende Konzept vom  „Europa von Wladiwostok bis Lissabon“ wie man es damals nannte, hat ausgedient und wird verworfen. Das neue „Konzept“ wird uns als bleibende Folge des Ukraine-Krieges noch lange beschäftigen.

Selbst nach der bevorstehenden Ausdehnung und dem Einfrieren des Konflikts in der Ukraine, nach dem Abgang des russischen Präsidenten wird diese neue Ideologie nicht verschwunden sein und als tragender Faktor der Außenpolitik die Beziehung zwischen Russland und Europa weiter vergiften. Für die russische Bevölkerung wird es zwar unangenehm, aber nicht unerträglich sein, das Land verschließt sich nicht ganz von der Welt, nur von Europa. Die Reisen nach Dubai, die Äpfel der Taliban und die chinesischen Elektroautos werden als Zeichen der neuen Weltoffenheit das Volk bei Laune halten.


Russendisko News am 11.11.2025

Russendisko News am 11.11.2025

Von außen betrachtet erinnert die Politik des Kremls aktuell an ein typisches russisches Märchen, dem ein hinterhältiger ungelenker Zauberer das dringend benötigte Happy End versaut hat.

Und alle wissen, wie dieser böse Zauberer heißt.

Um seiner Herrschaft willen entfesselte er den sinnlosesten Angriffskrieg, der als ein schneller Spaziergang „nach Kiew und zurück“ gedacht war, eine fatale Fehlentscheidung, aufgrund von falschen Informationen und einer absurden Selbstüberschätzung getroffen. Bald geht dieser Krieg in fünftes Jahr, er fordert immer mehr Menschenopfer und Geld, 30 000 Menschen braucht der Krieg pro Monat, die Soldaten werden gut bezahlt.

Eine Zeit lang schien es, dass der Menschenfluss an willigen Kämpfern endlos weiterfliessen konnte. Nun stockt er aber auf einmal. Die Söldner, für unsäglich hohe Summen gekauft (Der Spitzenbonus beim Unterschreiben des Kontrakts mit der Armee beläuft sich zurzeit auf 2,2 Millionen Rubel) lassen sich nicht mehr so leicht finden. Wieso eigentlich? Eine solche Summe ist in den armen Regionen Russlands mehr als ein Sechser im Lotto, sie hebt eine ganze Familie auf einen Schlag aus der bitteren Armut direkt in den Mittelstand. Die Anwerbungszahlen stagnieren jedoch seit Monaten. Was ist passiert? Sind in Russland arme Menschen rar geworden?

Die Meinungsforscher geben zweierlei Gründe: Zum einen haben dreiviertel arme Familien beschlossen, ihre Männer nicht zu verkaufen. Zum anderen: Das Geld hat sich entwertet. Die Wirtschaft ächzt unter den Sanktionen des Westens, von allen verlacht und als sinnlos gehänselt, scheinen sie langsam zu wirken, die Inflation und die Mängelwirtschaft tun ihr übriges.

Es werden halt nur Waffen produziert.

Millionen Menschen können ihre Millionen Rubel nicht ausgeben.

Warum also dann in den Krieg ziehen?

Die Idee der Vergrößerung Russlands durch Annexion der Ostukraine war im Volk trotz aller Tricks der Propaganda nie populär, es interessiert die Menschen nicht, wie groß ihr Land ist, „sehr groß“ oder „riesig“. Die Unterstützung für die „spezielle Operation“ wackelt, sogar in Umfragen unter den loyalen Bürgern, die von regimeeigenen Forschern durchgeführt werden. Und das verdirbt im Kreml die Laune.

Der Krieg wurde am Anfang von den breiten Schichten der Bevölkerung wohlwollend aufgenommen, solange er vor allem im Fernsehen stattfand. Die Nachrichtensprecher lobten die Weisheit des Präsidenten, die beste Armee der Welt marschierte über die Bildschirme, große Raketen flogen irgendwohin, landesweit bekannte Schauspieler und Sportler nickten in den Talkshows. Die ganze Welt soll sehen, wie stark unser Land ist.

Das fanden die Menschen in Ordnung, es war ein wenig wie beim Fußball für die eigene Mannschaft zu jubeln, der Welt den Mittelfinger zu zeigen ohne dafür zahlen zu müssen, weder seine Geldbörse noch sein Leben in Gefahr zu bringen.

Es fühlte sich angenehm warm an, auf dem Sofa liegend den Krieg zu gewinnen, denn es war allen klar, das Gold wird dem Sieger gehören.

Dann passierte aber etwas. Seit beinahe vier Jahren stürmt die beste Armee der Welt das Dorf Pokrowskoj in der Ostukraine und ist ziemlich zerpflückt, eine Million Menschen wurden bisher vermisst, verletzt oder getötet, eine andere Million hat Russland verlassen, der Krieg hat sich gewendet, das Gold hat sich in Kohle verwandelt, die schicke Kriegskutsche, die das Land zum Sieg fahren sollte, erinnert stark an einen Kürbis, wie bei Aschenputtel um Mitternacht. Bloß in Märchen kommt nach dem Drama immer ein rettendes Happy End, im Leben nicht immer.

Zu Beginn dieses Jahres hatte jeder im Land eine bescheidene Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende geht, „unser Elefantchen im Weißen Haus regelt es“ das sagten sogar die Taxifahrer in Moskau und sie wussten schon immer am besten Bescheid. Sehr bald sollte das Leben wieder so sein wie früher, nur besser. Immerhin haben wir der Welt den richtigen Finger gezeigt, das war gut so.

Doch die Botschaft des Kremls klingt unmissverständlich: Wir werden den Krieg ewig führen, ihr werdet uns zuerst euer Geld und dann eure Leben dafür geben und wehe, jemand sagt etwas dagegen. Neue Gesetze werden verabschiedet, neue Steuer erhoben, das Parlament hat die ganzjährliche Einberufung in die Armee ab dem 1. Januar schnell durchgewunken.

Die Stimmung ist im Eimer. Vor diesem Hintergrund zeigt sich der ungeschickte Zauberer und nebenberuflicher Oberbefehlshaber sehr um die Demografie des Landes besorgt. Seine Bürger vermehren sich nämlich schlecht, warum bloß? Und fast die Hälfte der Bevölkerung sind Rentner Mit über vierzig Millionen Rentner ist kein Krieg zu gewinnen.

Der Zauberer hat deswegen dringend ein neues Staatsorgan ins Leben gerufen: den Ältestenrat für Demografie, er wurde groß in den Medien präsentiert. Es blieb trotzdem unklar, wie genau der Ältestenrat auf die Demografie einwirken kann, durch eigenen Einsatz wohl kaum. Seine Mitglieder sind alle ohne Ausnahme über siebzig und haben, wenn überhaupt, die Fragen der Vermehrung nur theoretisch auf dem Schirm.

Der Generaldirektor des russischen Staatsfernsehens bot bei diesem Problem Hilfe an. In seiner Rede hob er die Bedeutung der russischen Folklore hervor. Wir müssen auf die alten Märchen, die Stimme unseres Volkes hören, sagte er.

Beinahe jedes Märchen beginnt damit, dass der Vater drei Söhne hat, klärte der Fernsehdirektor die Zuschauer auf. Nicht zwei und nicht einen, sondern drei! Den ältesten - den Klugen, den mittleren Schlauen und den dritten: Ivan, den Dummkopf.

Der fehlt uns heute, fuhr der Fernsehdirektor fort. Und deswegen wollen wir ab sofort in allen unseren Filmen und Serien, in Werbespots und Videos Familien mit drei Kindern zeigen, schloss er.

Was er aber verschwiegen hatte, war, dass der Dummkopf in den Märchen gar nicht dumm ist. Im Gegenteil, er war der Gescheiteste von allen, tat nie, was ihm die Obrigkeit befahl, schubste am Ende den Zaren vom Thron und heiratete die Prinzessin. Dieses russische Happy End wird gerade akut gebraucht.


Zum Stand der Nachrichten:


Wenn die Nachtschichten nur über Krawall berichten, vermisste Kinder und zerstörte Städte, fliehen die Menschen in die Welt des Glamours, sie sorgen sich lieber um Britney Spears, furchtbar, was da in der Familie los ist.

Meine Tochter liest am besten nur Nachrichten aus dem Bereich „Wissen“. Da kann man sich zumindest bilden „Kakerlaken überleben neun Tage ohne Kopf“ stand neulich unter dieser Rubrik. Woher wissen denn die Kakerlaken dass sie keinen Kopf haben? fragte mich meine Tochter neugierig.

Woher wissen wir es? entgegnete ich.

Wir wissen es aus den Nachrichten, die lesen wir mit dem

Kopf, philosophierte Nicole weiter.

Die Kakerlaken aber können keine Nachrichten lesen, denn sie haben seit neun Tagen keinen Kopf.

Aber das ist ihnen eigentlich egal, denn sie wissen es nicht.


Für alle, die am Weihnachten gern mit uns tanzen


Naokos Freiheitsmusik

Putins aggressive Regime rennt wie ein bissiger Hund, der von der Kette gerissen ist, durch die Straßen Russlands, er jagt zufälligen Passanten hinterher und beißt Fußgänger in die Waden. Selbst die loyalen Bürger, die brav alles mitmachen, haben Angst vor ihm.

Die Beamten, die Minister, die Geschäftsmänner, keiner ist sicher. Besonders gefährdet sind jedoch die Jugend und die Kulturschaffenden. Die ersten will das Regime als Soldaten verbraten die zweiten sollen die Klappe halten. Die Künstler bemühen sich, doch es fällt ihnen schwer. Trotz des fast vier Jahre andauernden Krieges in der Ukraine und des ununterbrochenen Propagandaflusses in den Medien tragen noch viele in Russland die Erfahrung der persönlichen Freiheit in sich.

Immerhin hatten die Russen anders als die Nordkoreaner gute zwanzig Jahre lang in einer relativen Freiheit gelebt, wenn auch nicht immer in politischer Hinsicht, jedoch mindestens im Bereich der Kunst. Der Künstler durfte sich austoben, in den Galerien, auf Theaterbühnen und in den Kinos, so lange es nicht um primär politische Themen ging. Man durfte sogar öffentlich den Westen loben, für den Frieden sein und über Stalin schimpfen. Man durfte sogar über speziell markierte russische Politiker Witze machen.

Heute breitet sich das Tollwutvirus der Intoleranz superschnell weiter, nach der Zerstörung der Kunstszene, laufen die Hunde des Regimes überall im Land den singenden Kindern hinterher. Das Regime hat den Straßenmusikern den Kampf erklärt. Ein gravierendes Beispiel dafür ist die Verhaftung Naokos, einer achtzehnjährigen Sängerin, die mit ihrer Band „Stopptime“ auf den Straßen St. Petersburgs gesungen hat.

Naoko, die mit bürgerlichen Namen Diana Loginova heißt, war keine politische Aktivistin. Auch ihr Programm war nicht durch Inhalte aufgefallen, die das Regime gefährden konnten. Sie sang einige Songs von Musikern, die in Russland neuerdings als „ausländische Agenten“ „Extremisten“ und „Terroristen“ eingestuft werden, dieses Schicksal ist den meisten populären jungen und alten Musiker widerfahren, sie mussten das Land verlassen, weil sie in Unfreiheit nicht singen konnten. Naoko fühlte sich zu frei und wurde dafür verhaftet.

Das ist im Land neu, obwohl der Kampf des Regimes gegen die Straßenmusikanten nicht erst seit gestern in Russland tobt.

Dieser Kampf ist älter als der russische Krieg in der Ukraine. Straßenmusiker mochte das Regime noch nie, sie sind mobil und schwer zu kontrollieren und wer soll die Verantwortung tragen, wenn auf der Straße laut Dinge gesungen werden, die nicht einmal geflüstert werden dürfen? So kann ja jeder singen, was ihm in den Sinn kommt, eine Horrorvorstellung für den totalitären Staat.

Deswegen wurden die vorbeugenden Maßnahmen bereits vor Beginn der Annexion in der Ukraine beschlossen. Unter dem Vorwand der Ruhestörung wurde per Gesetz geregelt, dass alle Musikgruppen und Kulturschaffenden, die auf der Straße auftreten, sich bei der Stadtverwaltung anmelden und ihr Programm mit der Verwaltung absprechen müssen. Danach können sie eine Auftrittsgenehmigung beantragen. Diese Gesetze und Regeln haben die Straßenmusiker lange Zeit einfach ignoriert. Die hohe Anzahl an Gesetzen und Regeln wird in Russland traditionell durch stabiles Nichteinhalten ebendieser Gesetze und Regeln und die schlampige Nachprüfung relativiert. Mit anderen Worten, es gibt praktisch für jede menschliche Tätigkeit in Russland ein Verbot, an dem sich niemand hält. Nicht anders verhielt es sich mit der Musik auf der Straße. In schlimmsten Fall wurden die Musiker von den Polizisten verscheucht, sie mussten ihre Instrumente nehmen und weiterziehen, eine neue „Location“ suchen.

Mit Naoko kam zum ersten Mal eine Musikerin von der Straße direkt in den Knast, nachdem ein Fußgänger ihr zugehört und die Polizei alarmiert hatte. Das Foto des Mädchens im Gerichtssaal sorgte in den sozialen Medien für großes Aufsehen. Ein junges zartes Geschöpf mit blondem Haar, einer großen Brille und in Handschellen erweckte bei den Jugendlichen im ganzen Land Unbehagen.

Zum ersten Mal seit der Ermordung von Alexej Nawalny, als Menschen in einer mehrtägigen Schlange auf dem Weg zum Friedhof eine Art Flashmob veranstalteten, um schweigsam gegen das Geschehen zu protestieren, gingen Mitte Oktober in vielen Städten Russlands Jugendliche zum Musizieren auf die Straße. Sie sangen dieselben Songs, die Naoko in St. Petersburg gesungen hat, drehten Videos von ihren Auftritten und stellten diese Videos mutig ins Netz. Auf diesen Videos sind sehr viele junge Menschen zu sehen, die freche Texte mitsingen „Hört auf mit dem Krieg“ singen sie. Anscheinend ist die Unterstützung der russischen Politik bei der Jugend doch nicht so stark, wie es die Propaganda im Fernsehen erzählt.

Der Blick, mit dem Diana Loginova auf den Polizisten schaut, der ihr die Handschellen anlegt, ist eine Mischung aus Verwunderung und Fremdschämen, es ist der Blick der jungen Generation der Russen auf das Regime im Kreml, auf die tollwütigen Rentner, die keine Zukunft haben und wie die Irren um sich schlagen. Wer könnte Naoko verpfiffen haben? Es waren tausende von Menschen, die bei ihrem Konzert auf der Straße unterwegs waren, Soldaten, Putins Fans, bullige Petersburger Beamte, Sicherheitspersonal, böse Rentner?

Interessanteweise wurde Naoko aufgrund eines einzigen Denunzierungsberichtes eingesperrt. Der besorgte Bürger, der sie denunzierte, heißt Michail Nikolaev, laut Eigenbezeichnung „ein patriotischer Rapper und Inhaber einer Autolackiererei.“


Hier ist meine kleine November-Reise, eine Einladung an alle, die

Sich fürs geheime Leben der Deutschen interessieren.

   05.11.25          Quedlinburg                                          

06.11.25          Naumburg                 (ausverkauft)

08.11.25          Schleiz                                            

09.11.25          Flechtingen                 (ausverkauft)

19.11.25          Erfurt                            

20.11.25          Gera                             

22.11.25          Finsterwalde              


Russendiskonews nachträglich zum Geburtstag:


Am frühen Morgen den 7. Oktober 2025 landeten drei Flugzeuge der Gruppe „Flugsicherheit der Präsidentenadministration“ am Flughafen St. Petersburg. Gleich danach wurde die halbe Stadt abgeriegelt, der Verkehr stockte, es entstanden riesige Staus in der Wiege der Oktober-Revolution. Die Einwohner posteten diesmal nicht wie üblich ihr Unbehagen laut in die sozialen Netzwerke, sie schienen geduldig und dem Schicksal ergeben. Bis zum letzten Tag blieb nämlich unklar, wo der Präsident seinen 73. Geburtstag feiern wollte. Der alte Spion, immer auf Sicherheit bedacht, ließ sich mit der Entscheidung Zeit. Selbst die engsten Freunde wussten nicht Bescheid. Bleibt er in seiner Residenz bei Moskau, fährt er wie früher in den Altai, will er im Wald Rehe jagen oder geht er am Baikalsee angeln? Für alle Fälle wurden die Vorbereitungen an allen Orten durchgeführt, die infrage kämen.

Erst als sich die Riesenstaus in St. Petersburg bildeten wurde allen klar, der Präsident möchte in seiner Heimatstadt feiern. Am Vormittag nahm er noch ein paar Arbeitstermine wahr, telefonierte mit dem Kollegen von Aserbaidschan, traf sich mit Generälen und schärfte sie darauf ein, „alle Ziele der speziellen Operation in der Ukraine müssen schnell und präzise erledigt werden“. Er nahm die Geburtstagsgrüße von seinen Kollegen aus Belarus, Kasachstan, Turkmenistan, Nordkorea, Nicaragua, Abchasien und Südossetien entgegen, von all den Regimen, die vom Kreml eine großzügige Unterstützung bekommen.

Später besuchte er die Peter und Paul Kathedrale (riesige Staus) und legte Blumen an das Grab von Peter dem Großen. Danach verschwand er vom Radar der Öffentlichkeit. Das große Land feierte jedoch seinen Geburtstag ohne das Geburtstagkind weiter.

Die Abgeordneten der russischen Duma hatten dem feierlichen Anlass eine Sondersitzung gewidmet. „Wir haben ein großes, ein unverdientes Glück, dass unser Land von einem starken und klugen Präsidenten geführt wird. Er hat uns unser Russland zurückgebracht, unser großes Land steht auf. Wir gratulieren dem Präsidenten zu seinem Geburtstag, er ist Russland!“ betonte der Parlamentsvorsitzender in seiner Rede, selbstverständlich in Abwesenheit des Präsidenten. Alle Abgeordneten hatten zur Erinnerung an dieses Datum ein wertvolles Geschenk erhalten – ein Foto des Präsidenten mit einem Zitat: „In allem was ihr tut, denkt bitte stets an die Menschen, an Kinder und Familien“.

Die Beamten in den Regionen haben eine Anweisung aus dem Zentrum bekommen, wie man eine richtige Grußkarte an den Präsidenten schreibt. Die Anweisung sickerte ins Netz. Man sollte für die Grußkarte nur zugelassene Fotos benutzen und „Beispiele der regionalen Verbesserung beim Heimatschutz und eine wirtschaftliche Kompetenz wie im Sport und in der Kulturarbeit anführen“.

Die Jugendorganisation „Junge Garde“ startete eine landesweite Aktion „Geburtstagsgrüße von Donezk bis Kamtschatka“. Für die Teilnahme an der Aktion bekamen die Studenten 1000 Rubel und wurden vom Unterricht freigestellt. Wie jedes Jahr wurden die Schulen an diesem Tag verpflichtet, eine Unterrichtsstunde „Unser Präsident“ durchzuführen. Im Rahmen des Unterrichts wurden die Kinder „über die Biografie, die wichtigsten Lebensetappen, sowie die Rolle des Präsidenten in der Geschichte Russlands und der Entwicklung der russischen Zivilisation, der Wichtigkeit des Patriotismus und der Heimatliebe“ aufgeklärt.

In den Kindergärten wurden die Kleinkinder animiert, Grußkarten für den Präsidenten zu malen und an den Kreml zu schicken. Gleichzeitig fand in den Kindergärten ein Gesangswettbewerb „Das beste Lied für den Präsidenten“ statt. Unzählige Videos von singenden Kindern wurden ins Netz gestellt.

Die Songtexte wurden, anders als die Motive für die Postkarten, vorausschauend von der Administration der Kindergärten verteilt und vor dem Geburtstag auswendig gelernt. „Unser Präsident kann alles, was er nicht kann, kann es nicht geben, er ist das Licht und so lange er leuchtet, leuchtet Russland“.

Besondere Aufmerksamkeit galten den Feiern in den annektierten Gebieten der Ukraine. Dort wurden unter anderem dem Präsidenten Sportveranstaltungen gewidmet und Judo-Kampfwettbewerbe durchgeführt. Die staatlich genehmigten Zeitungen und Zeitschriften versuchten einander mit Lobeshymnen und Würdigungen zu überbieten.

Das Geburtstagskind gab sich an diesem Tag bescheiden. Weder trat er im Fernsehen auf, noch gab irgendein Interview. Auch seine Feier kam nirgendwo zum Vorschein. „An seinem Geburtstag möchte der Präsident die Zeit nur mit Menschen verbringen, die ihm lieb und teuer sind,“ erläuterte sein Pressesprecher knapp die Lage am Abend. Möglicherweise saß er allein, in einem bestens bewachten Raum mit einem Glas seines Lieblingsgetränks, einem dickflüssigen Sauermilchprodukt mit einem geringen Gehalt an Kohlensäure, und dachte, wie wenig braucht eigentlich der Mensch, um glücklich zu sein.


Heute, am 10 Oktober feiert die Welt den Welttag der geistigen Gesundheit.

Wenn ich mich umschaue, sehe ich niemanden, den man zu diesem Tag leichten Herzens gratulieren darf. Denn wir haben alle einen an der Waffel. Pünktlich zu diesem irren Feiertag startet das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit eine Aktionswoche. 2025 steht sie unter dem Motto „Lass Zuversicht wachsen – Psychisch stark in die Zukunft” und findet vom 10. bis 20. Oktober in ganz Deutschland statt. Mach mit machs nach machs besser!