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Warum ist in Amerika die Präsidentschaftswahl immer eine Orgie, eine großartige Unterhaltung nach

besten Hollywood Rezepten und die ganze Welt schaut hin? In Deutschland dagegen husten sich nur irgendwelche Bürokratenglatzen an, von Merz bis September. Können wir nicht Bundestagswahl als eine neue Folge von „Wetten, das“ gestalten?


Olympia

Nun ist es amtlich, die Russen werden die olympischen Spiele in Paris nicht sehen. Nachdem die beiden Staatssender darauf verzichtet haben, die Rechte für die Übertragung zu erwerben, haben auch die kleinen Sportkanäle auf die Übertragung der Spiele verzichtet. „Es seien nur 15 Sportler aus Russland unter einer neutralen Flagge nach Paris gereist, ziemlich unpatriotisch“ sagte der Pressesprecher des Kremls. „ Es sei natürlich ihre Entscheidung, keiner will die Sportler zu irgendetwas zwingen.  Aber unter diesen Umständen  sind wir der Meinung, dass das große russische Volk kein Interesse an diesem Sportereignis hat.

Die Führung hat entschieden und das Volk selbst wurde wie immer entmündigt. Das letzte Mal hatten die Russen vor 40 Jahren kein Interesse an den olympischen Spielen. Damals, 1984, beschloss  die Sowjetunion, die Spiele in Los Angeles zu boykottieren, weil die Spiele davor von den 60 Ländern der westlichen Welt boykottiert worden waren. Und trotzdem wurde 1984 von den amerikanischen Spielen in der Sowjetunion berichtet. Das Sportkomitee schickte extra eine Gruppe Sportjournalisten nach Tallin, dort hatte der Eiserne Vorhang in der Mitte ein kleines Loch, in bestimmten Bezirken konnte man das finnische Fernsehen relativ gut empfangen. Also berichteten die Sportjournalisten, was in Los Angeles bei den olympischen Spielen vor sich geht. Heute scheint der Vorhang trotz Internet noch dichter geworden zu sein, das Land hält sich selbst für eine eigene Zivilisation und möchte mit eigenen Sportveranstaltungen den olympischen Spielen trotzen.

Nachdem die BRIKS - Spiele ins nichts gelaufen waren, weil kaum andere Sportler außer Russen zu den Wettkämpfen erschienen, werden nun große Sportevents aus der eigenen glorreichen Vergangenheit noch einmal dargestellt, zum Beispiel die berühmte Lebendschachparty auf dem Schloßplatz in Leningrad vom 20 Juli 1924. Gleich nach Lenins Tod, wurde nämlich auf dem zentralen Platz vor 8 000 Menschen die größte Lebendschachparty der Geschichte gespielt. Die Bolschewiken waren für ihre Vorliebe an riesigen Massenveranstaltungen bekannt. In dem Lebendschach von 1924 nahmen  die Matrosen der Roten Flotte in ihren weißen Paradeuniformen teil, das Petrograder Regiment der Heimatverteidigung, das schwarze Uniformen trug, spielte für die Schwarzen. Die Springer saßen auf echten Pferden, sie wurden von der Reiterarmee zur Verfügung gestellt. Als Türme wurden Artillerie-Geschütze  benutzt, die von Soldaten auf Befehl der Großmeister auf das Spielbrett gerollt wurden. Die Schachparty wurde zwischen  den damals weltberühmten Großmeistern Romanowski und Rabinowitch gespielt, beide saßen auf  Holzpodesten auf beiden  Seiten des Schlachtfeldes und gaben ihre Spielzüge über eine Lautsprechanlage durch. Die Figur des schwarzen Königs wurde von zwei roten Kommandeuren  und einem Fähnrich gebildet, die Dame war ein Mädchen in rotem Kleid, das eine Sichel in der Hand hielt. Für die Weißen spielten zwei Seekapitäne den König, die Rolle der Dame hatte die Ehefrau von Rabinowitsch übernommen. Das Spiel dauerte fünf Stunden und endete mit einem Remis auf Vorschlag der Weißen.


Halbsommer ist bereits verpufft

Trumps Ohren flogen durch die Luft

Die Armen stänkern gegen Reichen

Die Jugend tanzt, die Greise schnarchen



Der politische Verdruss ist groß. Neulich beschwerte sich ein Freund er würde die Sprache der Politiker nicht mehr verstehen, als würden sie miauen statt Klartext zu reden. Möglicherweise hätten sie es sich tatsächlich von den Katzen abgeschaut. Denn wie kommunizieren die Katzen mit den Menschen? Die Katzen, wie wir wissen, miauen untereinander kaum. Sie miauen nur ein wenig im Babyalter mit ihren Eltern, danach nicht mehr. Erwachsene Katzen benutzen ihre Körpersprache und Duftmarken, sie kommunizieren mit Gerüchen oder mit Knurren. Miauen tun sie nur mit Menschen, als wäre dieses Miauen eine Fremdsprache und dafür da, mit den Vertretern einer anderen Kultur ins Gespräch zu kommen.  Doch Menschen miauen untereinander eigentlich auch nicht oder sehr selten. Für sie ist es ebenfalls eine Fremdsprache, die sie nicht verstehen. Sie fühlen sich von den Katzen selbstverständlich angesprochen und miauen aus Höflichkeit zurück, ohne zu wissen, was genau sie gesagt haben. Damit bringen sie die Katzen in Verlegenheit. Mit einer solchen Reaktion haben die Katzen nicht gerechnet, sie verstehen nicht, was die Menschen ihnen mit ihrem Miauen sagen wollen und  miauen natürlich weiter. Das wunderliche ist, dass die Katzen mit dieser Methodik tatsächlich manchmal von Menschen bekommen, was sie wollen . Wir haben es hier mit einer Fremdsprache zu tun, die niemandem gehört und die niemand versteht, weder Katzen noch Menschen. Aber irgendwie scheint es für beide Seiten zu funktionieren und alle kommen damit klar. Im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation haben wir allerdings ein noch gravierenderes Problem: Die Menschen verstehen einander nicht.

Früher waren die Menschen viel weniger informiert, jemand, der auf dem Land lebte, wusste kaum, was im nächsten Dorf geschieht, von irgendeinem Klimawandel ganz zu schweigen. Der Adel wusste vielleicht ein wenig Bescheid, wie es dem anderen Adel im anderen Dorf geht und nur den Königen war es vorbehalten, über das Leben in anderen Königreichen etwas zu wissen und zu beurteilen. Mit der Erfindung des Internets wissen alle alles. Aber die Menschen verstehen es nicht. Wir entwickeln ein Gefühl der Verantwortung für Dinge, die wir nicht verstehen und fühlen uns zuständig für Prozesse, die wir nicht beeinflussen können. Wir wissen alles und können nichts. Klimawandel, Seuche, Krieg, es muss doch sofort etwas unternommen werden! Es gibt in einer solchen Situation zwei gängige Varianten des Handelns: ignorieren oder die Aufgaben weiterleiten, am besten jemanden finden, der etwas kann und ihm sagen, „Mach mir bitte die Klimaerwärmung wieder gut.“ In der Regel ist es das politische Personal, das sich für die Lösungen der unlösbaren Aufgaben anbietet. Nach vier Jahren kann das Personal aber schon in Rente gehen. Tut uns leid, sagt das Personal wir haben alles versucht, mit voller Brust auf die Erde gepustet um feuchte Tücher draufgelegt, es ist nicht kälter geworden. Uns fällt nichts mehr ein. Oder sie fangen an zu miauen, das funktioniert.


Raketen am Strand


Urlaubszeit ist Reisezeit, die Menschen zieht es in die Sonne. Meine Frisörin aus Odessa fährt jeden Monat von Berlin nach Hause ans Schwarze Meer, um ihre Eltern und ihre Tiere zu besuchen, Freunde zu treffen und nicht zuletzt, um ihren alten Kunden die Haare zu schneiden. Natali hat in Odessa noch immer ihren Friseursalon für ältere Damen, mit dem Alter fällt ein Wechsel der Friseurin besonders schwer. Sie erzählte  neulich, die Strände Odessas seien voll, obwohl der Hafen fast täglich mit russischen Raketen beschossen werde. Die Einheimischen könnten sich ein Leben ohne Meer nicht vorstellen. Bereits im ersten Sommer des Krieges machte ein Strandvideo aus Odessa im Internet die Runde: Der Grenzschutz umzäunte die Zugänge zum Wasser, nachdem die ersten Seeminen nahe an den Stränden gesichtet worden waren. Die Einheimischen schnitten Löcher in das Metallgitter, kletterten durch und gingen baden. Auf dem Video versuchten die Soldaten die Frauen in Badeanzügen zur Vernunft zu bringen. „Krieg hin oder her, wer soll meinem Sohn schwimmen beibringen, Sie etwa?“ wütete eine mollige Blondine und schickte die Patrouille zum Teufel. „Sehen sie die Möwen?“ klärte eine weise Oma die Soldaten auf, während sie versuchten, die Oma aus dem Loch im Zaun zu befreien. „Die Möwen sitzen auf den Wellen! Sie würden doch niemals dort sitzen, wenn da Minen wären, diese Vögel sind klug! Ich springe kurz ins Wasser und schwimme zu den Möwen und zurück, versprochen!“ Die Soldaten schüttelten nur den Kopf.

Dieses Jahr wurden die Strände Odessas nicht einmal umzäunt, meine Friseurin ging zum Strand mit einer Freundin und deren fünfjährigem Sohn. Der Strand war voll, sie hatten Mühe einen Platz zu finden. Kaum hatten sie sich im Sand eingerichtet, kam eine Warn-SMS: Ballistik von der Krim, drei Minuten Anflugzeit. Na ja, dachten die Frauen, na ja. In drei Minuten würden sie es bis zum Schutzbunker sowieso nicht schaffen. Was steht da noch in der SMS? fragte die Frisörin ihre Freundin. „Suchen sie ein Dach über den Kopf  oder legen sie sich auf den Boden mit dem Gesicht nach unten.“ Ein Dach war am Strand nicht vorhanden, also beschlossen die Frauen der letzten Anweisung zu folgen und sich über das Kind zu legen.  Bevor sie sich mit der Nase in den Sand bohrte, schaute sich meine Frisörin um, der ganze Strand hatte die gleiche Warnung bekommen, aber niemand reagierte. Dann mache ich das auch nicht, dachte Natali. Der ganze Strand schaute nach oben.  Dort, am klaren blauen Himmel, weit in der Ferne sah man einen sich nähernden Flugkörper, der auf einen anderen Flugkörper schlug, die Raketenabwehr in Odessa hatte in den vergangenen Jahren viel gelernt. Eine kleine Rauchwolke bildete sich im Himmel. Es lebe die Ukraine! rief der Strand beinahe einstimmig und ging baden.

In der gleichen Woche  trafen die Überreste einer ukrainischen Rakete die Urlauber auf der Krim, auch dort sind die Strände überfüllt. Die Russen fahren massenweise in den Urlaub auf die besetze Krim, wohl wissend dass die Halbinsel zurzeit ein stark umkämpftes und täglich von den ukrainischen Geschossen bombardiertes Gebiet ist. Aber Urlaubszeit ist Reisezeit. Alle Ferienhäuser sind bis Ende Oktober ausverkauft, vermietet, verpachtet. Die Hotels sind durch den Krieg nicht einmal preiswerter geworden, ganz im Gegenteil, diese Saison sei die teuerste in der Krimgeschichte, schreiben die örtlichen Zeitungen. Die Menschen schicken ihre Kinder in die Ferienlager auf die Krim und jede Woche findet dort irgendein Musikfestival oder Sportevent unter freiem Himmel statt, obwohl die ukrainischen Streitkräfte permanent Raketen auf die Krim abfeuern.  Es gibt für die Russen dieses Jahr wenig Platz unter der Sonne, durch die Sanktionen sind die Strände des Westens aus den Reisekatalogen weggefallen, Thailand schwer erreichbar und in der Türkei spielen die Preise verrückt. Durch den Ansturm der russischen Touristen hat die türkische Riviera die Preise verzehnfacht, Georgien ist zu klein und auch zu teuer, außerdem fühlen sich die Russen dort nicht willkommen. Einige russische Reisebüros versuchen die Urlauber zur Vernunft zu bringen, sie werben für einen Alternativurlaub in Sibirien, mal zur Abwechslung frische Luft in der Taiga zu atmen statt in der Sonne zu schmoren. Die Werbung funktioniert nicht, die Massen wollen auf die Krim und die Regierung ermutigt sogar die Menschen, auf die Krim zu fahren, sich selbst und ihre Kinder in Gefahr zu bringen. Erst letzte Woche war die neunjährige Tochter des stellvertretenden Bürgermeisters von Magadan von den Splittern einer abgeschossenen Rakete am Strand ums Leben gekommen. Böse Zungen behaupten, Putins Regime habe an zivilen Opfern auf der besetzten Krim ein politisches Interesse, damit würden die eigenen Kriegsverbrechen und die Bombardierung der Zivilbevölkerung in Charkiw und Odessa relativiert. Warum aber nun die Menschen ihr Leben bewußt in eine solche Gefahr bringen, eine plausible Erklärung dafür habe ich nicht. Es wäre zu einfach dies mit der voranschreitenden Verblödung der Bevölkerung zu erklären. Nach drei Jahren Krieg sind es die Menschen auf beiden Seiten müde geworden, ständig Angst zu haben. Der Fatalismus beherrscht die Massen. Es kommt, wie es kommt, denken sie und kaufen sich erst mal ein Eis, fallen in den Sand, die Raketen fliegen.


Diese Woche geht es nach Norden, ich lese am Samstag in Wesenberg, am Sonntag in Güstrow und am Montag in Seebad Lubmin. nahe am Wasser


Die Froschpopulation in unserem Gartenteich wird von Jahr zu Jahr immer größer und jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, beginnen unsere Brandenburger Konzerte, von den Fröschen komponiert und aufgeführt. Wir haben uns an diese Naturmusik inzwischen gewöhnt, sitzen auf der Terrasse, trinken Wein  und bewundern die Lurchen. Einige von ihnen quaken Mezzo Soprano von einer Qualität, da wäre Netrebko blass vor Neid. Das obligatorische Froschkonzert am Abend ersetzt uns den Besuch der Philharmonie oder des Konzerthauses, wo man die Getränke nicht mit in den Saal nehmen darf. Bei uns darf man die Getränke selbstverständlich überall mit hinnehmen und gleichzeitig die Kunst genießen, es ist ein wunderbares Naturschauspiel, eine phantastische Geräuschkulisse. Andere Menschen, die uns ab und zu auf dem Land besuchen, reagieren ganz anderes auf die Frösche.  

Frau Hartmann, die beste Freundin meiner Frau verbringt Stunden am Teich und spricht mit den Fröschen. Na, wen soll ich küssen, wer von Euch ist der Prinz? Auf uns wirkte ihr Verhalten befremdlich. Wie kann Frosch ein Prinz sein? Frau Hartmann ist mit deutschen Märchen aufgewachsen, nur in der deutschen Version ist der Froschprinz ein Männchen. Die Prinzessin küsst ihn, wenn auch nicht ganz freiwillig, sie wird mehr oder weniger von dem Frosch erpresst, der sich nach dem Kuss in einen anständigen Prinzen verwandelt. Die russische Folklore bietet eine ganz andere Version an.  Der Frosch ist hier selbstverständlich ein Weibchen.

Der russische Frosch ist eine Zarentochter, sie wurde von bösen Zauberern entführt  und in einen Frosch verwandelt. Sie soll ebenfalls so lange Frosch bleiben, bis ein Mann sie küsst. Ivan, der Hauptheld der russischen Folklore, der auch nicht von schlechten Eltern ist, aber faul und zickig, ein Mensch mit schwierigem Charakter, hat diesen Frosch aus Trotz, quasi demonstrativ geheiratet, um seinem Vater eins  auszuwischen, der ihn ständig bedrängte und auf den Geist ging. Zum Zeitpunkt der Hochzeit hatte Ivan nichts über die wahre Natur der verzauberten Prinzessin gewusst. Anscheinend war es ihm egal, wen er heiratet. Er küsste den Frosch, wie es der Heiratsbrauch verlangt, der Zauber verflog  und  plötzlich stand eine wunderschöne Prinzessin vor ihm.  Ist auch ok, dachte Ivan und zuckte mit den Schultern. Die Ivans, die Helden der russischen Märchen, sind oft solche, die einen defensiven Lebensstil führen. Sie verweigern ganz  bewusst jede gesellschaftliche Aktivität und wollen sich traditionell nicht in das Leben ihrer Gemeinde, ihres Dorfes oder ihrer Familie einmischen. Sie faulenzen, gehen nicht zur Arbeit und sabotieren alle Aufgaben, mit denen die älteren Generationen sie zu belegen versucht. Stattdessen liegen sie auf einem warmen Ofen (in den langen Wintern dienten früher die riesigen Steinöfen als bevorzugte Schlafplätze). Ab und zu gehen sie in der Natur spazieren, angeln oder unterhalten sich mit Tieren und Pflanzen  Sie werden dafür von ihrer arbeitsamen Umgebung ständig geschmäht, beschimpft und verunglimpft. Das Glück kommt in ihr Leben immer ungewollt und unerwartet, es bringt mehr Probleme als es Lösungen bietet. Auf einmal muss der Dummkopf ein halbes Königreich regieren oder eine Prinzessin unterhalten, die er noch vor kurzem gar nicht kannte. Worüber soll er mit ihr reden? Sie haben überhaupt keine gemeinsamen Themen oder Freunde.  Nur unwillig übernimmt Ivan  die Verantwortung. Und so wird der Dummkopf zu einem Held. Das Glück, die wundersame Veränderung des Lebens kommt in der Regel durch die Bekanntschaft des Dummkopfs mit einem fremden Lebewesen, einem Tier oder einer Pflanze. Ivan trifft den sprechenden Fisch, den Feuervogel, das bucklige Pferdchen oder den schlauen Wolf. Manchmal ist es ein Apfelbaum, der seine Hilfe braucht. Der Dummkopf fängt einen Fisch, mehr aus Spaß als aus Not und hat plötzlich drei Wünsche frei. Er fängt ein Pferdchen oder einen Feuervogel mit dem gleichen Ergebnis. Von dem Apfelbaum  wird er aufgefordert so viele Äpfel zu essen, wie es nur geht, die Apfelernte sei zu üppig, klagt der Baum, er würde unter dem Gewicht der vielen Früchten leiden. Kein Problem, nickt der Dummkopf, isst die Äpfel und wird dafür königlich belohnt. Mit seinem Gewinn weiß der Dummkopf aber nichts anzufangen, denn aus seiner Sicht braucht, ein Mensch gar kein Königreich, keinen Reichtum und keine Prinzessin, um glücklich zu sein. Er braucht nur Ruhe und Zeit.  Und ein warmes Plätzchen. Am liebsten möchte er von allen in Ruhe gelassen werden, doch die Menschen drängen ihn, er soll Heldentaten vollbringen. Die Menschen brauchen Helden. Also schließt  der Dummkopf mit dem Volk einen Kompromiss. Er tut so als würde er die Prinzessin wirklich mögen und das Königreich schätzen, die Menschen sind zufrieden, sie denken, er wird sie vor dem Bösen schützen.

Die bösen Gestalten werden in der russischen Folklore als uralte Leute dargestellt, die mit ihrem Alter nichts anfangen können. Zum einen ist es die Zauberhexe Baba Jaga, die im Wald in einer Hütte ohne Tür lebt. Die Hütte steht auf Hühnerbeinen und dreht sich ständig hin und her. Baba Jaga heißt mit vollem Namen „die Knochenbeinige“ also hat sie anscheinend auch ein gesundheitliches Problem ungeklärten Ursprungs. Sie bewegt sich nicht wie mitteleuropäische Hexen auf einem Besen, sondern benutzt einen Mörser, den sie mit dem dazugehörigen Stößel lenkt. Ein anderer Bösewicht, der unsterbliche Kaschej wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit dem Fluch des ewigen Lebens beschwert und leidet darunter. Sein Leben ist am Ende einer Nadel, die in einem Ei versteckt ist. Das Ei befindet sich in einer Ente, die wiederum in einem Hasen steckt. Der Hase sitzt in einer Kiste und die Kiste hängt am größten Baum des Landes. Selbst ein Selbstmord ist in dieser Konstellation ausgeschlossen. Man muss also wirklich ein Freund der Natur sein und sich mit vielen Tieren auskennen, um dem Koschej Schaden zuzufügen. Das ist aber auch das Einzige, was unser Dummkopf gut kann. Die Guten sind in den russischen Märchen auch in Form von drei Hunnen vertreten. Auf dem berühmten Bild von Wasnezov, an dem der Künstler über zwanzig Jahre gemalt hat,  stehen die drei  Hunnen vor einem Stein mit Richtungspfeilen. Auf dem Stein steht: Gehst Du nach links - verlierst Dein Pferd, gehst Du nach rechts - verlierst Dein Leben, gehst Du geradeaus wirst Du vergessen, wer Du bist. Die Wege in den Märchen sind voller Gefahren. Die Hunnen stehen vor dem Stein, sie können sich nicht entscheiden und kommen nicht voran.


Ich weiß nicht, ob es noch Karten gibt, ich lese am Freitag in Westhofen, dann Saarlouis, Vellmar, Darmstadt und Bremerhaven und jede zweite Lesung open air.  Nicht schlecht oder? Hier die Einzelheiten: https://www.wladimirkaminer.de/veranstaltungen


Kurze Geschichte von Spinat

Eine Woche vor der Kommunion fragte Matilda, die Tochter einer Freundin, ihren katholischen Religionslehrer, wir konnte Gott die Erde an einem Tag erschaffen, wo der Erdkern doch 6000 Grad heiß ist. Er musste sich dabei die Finger verbrannt haben, wenn Gott überhaupt Finger hat. Daraufhin wurde die Mama in die Schule zu einem Gespräch bestellt. Im Laufe des Gesprächs kamen beide Seiten zu dem Kompromiss, dass der Erdkern bei der Erschaffung der Erde eine angenehme Zimmertemperatur haben musste, die im Laufe der Zeit immer weiter stieg, angeheizt durch den Zorn Gottes über das menschliche Treiben auf der Oberfläche. Je mehr die Menschen sündigten umso heißer lief der Kern im inneren der Erde. Die Frage nach Gottes verbrannter Finger wurde zum gegenseitigem Einverständnis nicht weiter diskutiert. Wir wissen es nicht, sagte der Lehrer. Und wir wissen, dass wir es nicht wissen. Er hatte natürlich Recht. Für vieles, woraus unser Leben besteht, haben wir keine plausible Erklärung. Unsere Vorstellungen von der Welt sind auf Mythen und Legenden aufgebaut, die durch anderen Mythen und Legenden zustande gekommen sind. Die Wahrheit lässt sich nicht eindeutig entschlüsseln. Ich bin in einem atheistischen Staat aufgewachsen, statt Gottesfinger beschäftigte mich in den jungen Jahren stark das große Spinaträtsel. Als Kinder wurden wir von den Erwachsenen gezwungen, diesen ekligen Spinat zu essen, immer unter der Prämisse, dies sei unabdingbar, weil Spinat unheimlich viel Eisen enthält.
Dabei reichte ein kurzer Blick auf jede Spinatpackung, um festzustellen, dass Spinat überhaupt kein nennenswertes Eisen enthält. Laut einer Legende war dieses Missverständnis 1934 entstanden, durch den Druckfehler in einem wissenschaftlichen Artikel über chemische Analyse des Spinats. Ein Komma war zufällig eine Position nach rechts gerutscht, das Ergebnis dementsprechend verzehnfacht. Doch dieses Artikel ein auch nur eine Legende, den hat es nie gegeben.
Es war der Zeichentrick „Popeye, der Seemann mit dem harten Schlag,“ über einen Angehörigen der Marine, der durch Verzehrung von Spinat unglaublich große Muckis bekam. Doch nirgendwo in diesem Film war von Eisen die Rede. In einer Serie spricht Popeye Klartext und sagt, in Spinat sei Vitamin A vorhanden, was auch stimmt. Wie nun das verfluchte Eisen in Spinat reingekommen war, weiß anscheinend keiner. Meine Cousine Jana hatte ihren Spinat immer heimlich in Mamas Blumentöpfe reingetan, die Pflanzen sind tatsächlich groß und stark geworden. Doch vielleicht wären sie es ohne Spinat auch. Das werden wir nun nie erfahren. Übrigens hat „spinach“ auf Englisch noch eine zweite Bedeutung, so nennt man Unsinn und Betrug.