09.05.2026
Russendiskonews Mai 2026/1
Ein altes Sprichwort besagt, jedes Land hat die Nachrichten, die es verdient. In Mai beschloss die russische Führung ihre Siegesparade aus Sicherheitsgründen zu verkleinern, keine Panzer auf dem Roten Platz auffahren, keine Flugzeuge im Himmel, keine Kadettencorps und keine Jungoffiziere aufmarschieren lassen. Die einen wie die anderen sind infolge des endlosen Krieges rar geworden. Das Internet sollte für die Zeit der Feierlichkeiten gänzlich ausgeschaltet sein. Auch die Anzahl der ausländischen Gäste hat sich stark reduziert. Die amerikanische und die iranische Führung sind zu sehr miteinander beschäftigt, um nach Moskau zu fahren, der Chinese KP-Chef sagte ab und die Europäer meiden weitgehend die Kontakte zum Kreml. Seit Orban nicht mehr an der Macht ist, hat der russische Präsident keinen Gesprächspartner in Europa mehr. Der slowakische Premier Robert Fico würde zwar gern in Orbans Stapfen steigen, doch ihm fehlt das politische Gewicht. Als einziger europäischer Gast wollte er auf der Bühne in Moskau stehen, doch die baltischen Länder verweigerten ihm den Überflug, Fico drohte deswegen, mit Auto und Blaulicht nach Russland zu fahren.
In der Bevölkerung hat diese Parade nur für miese Laune gesorgt, vor allem in der Hauptstadt. Es macht niemandem Spaß, eine ganze Woche ohne Internet zu sein. Früher sind die Russen traditionell an den Mai- Feiertagen zum Schaschlik grillen ins Grüne gefahren, raus aus der Stadt. Dieses Jahr sitzen sie wie in einer Mausefalle, die Nachfrage für Grillfleisch reduzierte sich auf ein Drittel.
Das Fest, einst ein wichtiger Tag, der die Menschen an die Befreiung Europas vom Faschismus erinnerte, wurde vom Kremlregime einvernahmt und für den aktuellen Angriffskrieg in der Ukraine missbraucht, die so genannten Veteranen der „Speziellen Operation“ sollen nun, statt der echten Veteranen auf dem Roten Platz zu sehen sein. Der Ukraine- Krieg geht jedoch der Bevölkerung schon lange auf den Geist, niemand versteht, was der Sinn dieser Schlachterei ist, dadurch ist auch der Tag des Sieges für viele bedeutungslos und anstrengend geworden.
Die Führung im Kreml hat wirklich eine „Shit hand“, alles war sie anfasst verwandelt sich in eine schlecht riechende Substanz. So wurde das größte Fest des Landes in eine geschmacklose Propaganda-Plörre verwandelt. Sibirien zeigt in Richtung Moskaus den Zeigefinger. In Novosibirsk wurde ein Riesiges Plakat mit Orang-Utan aufgehängt, der zum „Tag des Sieges2 gratuliert. Nun wird der Zoodirektor des Extremismus beschuldigt.
04.05.2026
Meine Lesereise geht weiter:
05.05.2026 20:00 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Berlin, Die Wühlmäuse
06.05.2026 20:00 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Brandenburg, Johanniskirche
07.05.2026 19:30 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Eisenhüttenstadt, Friedrich-Wolf-Theater
08.05.2026 19:30 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Neuenhagen bei Berlin, Bürgerhaus
09.05.2026 19:30 Uhr Die Kaminer Show 2026 Hansestadt Wismar, Theater
10.05.2026 18:00 Uhr Die Wladimir Kaminer Show Pütnitz,Damgarten, Technikmuseum Pütnitz
Alle sind willkommen!
30.04.2026
Russendiskonews Mai 26/1
Kriegsmüdes Land
Die autoritäre gesellschaftliche Ordnung verfügt gegenüber der Demokratie über einige Vorteile für die obere Regierungsriege, vor allem: die Autokraten werden anders als ihre demokratisch gewählten Konkurrenten nicht so gnadenlos beschimpft, mit schlechten Fotos täglich in den Medien verunglimpft und durch den Kakao gezogen. Die Medien in einer Autokratie pflegen höfliche Umgangsformen mit den Regierenden und zweifeln überhaupt nicht an den herausragenden Eigenschaften und der intellektuellen Überlegenheit des Führers. Denn ohne diese besonderen Eigenschaften wäre es schwer, der Bevölkerung zu vermitteln, warum immer das gleiche bleiche Gesicht seit einem Vierteljahrhundert in jedem Büro an der Wand hängt.
Doch auch Autokraten haben schlaflose Nächte, sie müssen sich ständig Gedanken darüber machen, was die Bevölkerung wirklich von ihnen hält.
Sie haben den bohrenden Verdacht, dass niemand Ihnen die Wahrheit sagt. Das ist unangenehm und sorgt für ein ständiges Kribbeln im Rücken. Die Bevölkerung kann sie zwar nicht abwählen, aber sie kann die Autokraten boykottieren, auslachen und ihre Handlungen insgeheim anzweifeln. Und irgendwann einmal nicht mehr mitmachen, jeder an seinem Platz.
Die Autokratie ist eine unsichere gesellschaftliche Ordnung, die Untertanen agieren im Verborgenem, nach außen loyal, hinter verschlossenen Türen rebellisch. Es ist wie an der Front. Man weiß nie, wann es knallt. Jetzt hat sich plötzlich eine in Russland bekannte Livestyle-Bloggerin zu Wort gemeldet, die Millionen Follower hat. Sie hat den ersten Stein in Richtung Kreml geworfen. „Lieber Herr Präsident,“ sagte sie in ihrer Videorede, „niemand sagt Ihnen die Wahrheit, alle haben vor Ihnen Angst. Das ist aber nicht richtig, man soll keine Angst vor dem eigenen Präsidenten haben. Wissen Sie überhaupt, was in unserem Land los ist?“ Nach letzten Schätzungen haben 25 Millionen Menschen diese Videobotschaft vernommen.
Vor allem das Blockieren des Internets hat die schönheitsidealisierende Frau angeprangert. Nach ihr kamen andere Stimmen des Protests, die großen und mittelgroßen Sterne der russischen Celebritys, gar nicht die politisch motivierten Intellektuellen, Gelehrten oder die stark geschrumpfte russische Intelligenzia. Die Kritik kam von einer anderen Ecke, von den Frauen, deren unnatürlich aufgespritzte Lippen von eben dieser Intelligenzia stets mit Verachtung gestraft wurden. Sie haben ihre Stimme erhoben und wurden im Kreml erhört. Der Pressesprecher des Präsidenten versicherte den Frauen, dass die Regierung mit der Problematik vertraut ist und hart daran arbeitet, eine Lösung zu finden. Der Pressesprecher betonte: in dieser außergewöhnlichen Situation sei unser Land verpflichtet, gegen viele Feinde und Spione im Inneren des Landes und im Ausland zu kämpfen, deswegen war die Entscheidung, das Internet zu blockieren, unausweichlich.
Seiner Rede konnte man entnehmen, auch da oben im Kreml wird die heutige Situation in Russland als nicht normal empfunden, als Ausnahmezustand. Auch da oben hegt man die Hoffnung, dieser Zustand ist nur vorübergehend und bald soll alles wie früher werden. Aber wohin werden die ganzen Spione und Feinde dann plötzlich verschwinden? Oder sollen sie mit dem Präsidenten zusammen verschwinden, weil sie nur in seinem Kopf existieren? Das hat der Pressesprecher nicht gesagt, er hat nur gelächelt.
Denn der Präsident interessiert sich nicht fürs Internet, er führt den Krieg und hat nicht vor, halt zu machen. Er hat einen Tunnelblick, ausgelöst durch extremen Stress, Angst und Überforderung, er kann nämlich nur als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen, den Sieg kann ihm aber gerade keiner liefern, weder die geschwächte russische Armee noch Trump mit seinen Tänzchen, alle haben versagt und die Ukrainer stehen wie eine eins, sie beschützen ihre Heimat. Der Tunnel, in dem sich der Präsident weiter bewegt, wird mit der Zeit immer enger, die Umfragewerte des Präsidenten sinken.
Die russische Wirtschaft kann die Rezession nicht abwenden, das Geld für den Krieg fehlt, auf der Suche nach einigermaßen preiswerten Soldaten werden inzwischen sogar Patienten in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrien rekrutiert. In diesen Kliniken werden die Kranken zum Fernsehschauen gezwungen, dementsprechend ist der Anteil der Patrioten dort deutlich höher als unter den Gesunden. Ob diese Patrioten wirklich als Soldaten taugen, darüber wird nicht mehr diskutiert.
Die Bevölkerung beginnt langsam Geräusche des Unmuts von sich zu geben, trotz der repressiven Vorgehensweisen der Staatssicherheit. Die Entsorgung jeglicher Bürgerrechte, die Schließung von unabhängigen Medien, Museen und Theatern, die Vernichtung der Bücher, mit für die Führung unangenehmen Inhalten haben die Bevölkerung kalt gelassen.
Aber das Blockieren des Internets hatte ihnen weh getan und plötzlich mehren sich die Stimmen des Protestes, trotz der Angst vor der Staatssicherheit. Laut einer Journalistenrecherche ist für das Blockieren des Internets die 2. Abteilung der Staatssicherheit zuständig, der russische Verfassungsschutz, die rücksichtslosesten Halunken, die auch als Giftmischer bekannt sind.
Es sind diejenigen, die Gifte für die Regimegegner und Überläufer hergestellt und benutzt haben. Gleichzeitig waren dieselben Leute für die Doping-Cocktails bei den Olympischen Spielen 2013 zuständig, damals hatten sie den Auftrag, für den Sieg der russischen Sportler zu sorgen.
Es ist schwer vorstellbar, was passiert wäre, wenn sie die Fläschchen damals vertauscht hätten. Die Sportler wären alle tot und Navalnij hätte wahrscheinlich übermenschliche Qualitäten entwickelt.
26.04.2026
Radio Eriwan beantwortet Fragen
Ein junges Mädchen fragt: Was hören diese 50+ Leute in ihren Kopfhörern?
Radio Eriwan: Kirchliche Choräle, das Stöhnen der Dinosaurier und Stimmen längst verstorbener Verwandtschaft.
25.04.2026
Und am 1. Mai ist Russendisko gegen den Krieg in SO36 Berlin Kreuzberg. Ab 22:30
24.04.2026
Meine erste Lesereise in dem schönen Frühlingsmonat Mai:
05.05.2026 20:00 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Berlin, Die Wühlmäuse
06.05.2026 20:00 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Brandenburg, Johanniskirche
07.05.2026 19:30 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Eisenhüttenstadt, Friedrich-Wolf-Theater
08.05.2026 19:30 Uhr Das geheime Leben der Deutschen Neuenhagen bei Berlin, Bürgerhaus
09.05.2026 19:30 Uhr Die Kaminer Show 2026 Hansestadt Wismar, Theater
10.05.2026 18:00 Uhr Die Wladimir Kaminer Show Pütnitz,Damgarten, Technikmuseum Pütnitz
23.04.2026
Die kommunalen Ausgaben steigen, von daher fand ich die Idee von jedem und für alles Eintritt zu nehmen gar nicht verkehrt. Wir haben mit Kölner Dom angefangen, es war erfolgreich.
Vor allem die Angehörigen der asiatischen Kulturkreise zeigten sich bereit, aus Respekt vor Gott und als Zeichen der Bewunderung für die deutschen Baustellen bis zu 20 Euro Eintritt zu zahlen. Leider wurde das Experiment abgebrochen, ich wurde zum Buße tun aufgefordert und lag mit dem oberen Priester des Doms vor dem Altar auf dem Teppich, ungefähr 30 Minuten lang. Der Film darüber kommt am 8. August auf 3 Sat.
17.04.2026
Russendiskonews April/II
Sauberkeit und Demokratie
Das Regime im Kreml hat viele Menschen aus dem Land herausgedrückt, Kulturschaffenden und Journalisten, Politaktivisten und Wissenschaftler, schließlich die Jugend, die aus Angst vor Mobilisierung ins Ausland geflüchtet war. Der Großteil der frisch ausgereisten bleibt patriotisch, sie wollen sich nicht als Migranten bezeichnen. Sie nennen sich „Relocants“, d.h. Menschen die gegen eigenen Willen umgesiedelt wurden und die Hoffnung hegen, irgendwann zurück nach Hause, nach Russland zu kommen. Sie leiden an Heimweh. Die meisten von ihnen sind aus großen russischen Städten nach Berlin gekommen, aus Moskau oder St. Petersburg. Sie vergleichen, und immer fällt bei dem Vergleich ihre neue Location durch. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, höre ich Beschwerden darüber, wie schmutzig Berlin ist.
Alles so schmutzig hier, trotz der Mülltrennung, sagen die Russen. Irgendwann platzte mir der Kragen. „Leute!“ warf ich ein, „bei auch werden Regimegegner auf der Straße umgebracht!“
„Ja, aber da wird sofort wieder sauber gemacht, und hier ist alles so schmutzig“, fangen sie ihr Lieblingslied von vorne an. Irgendwann sind wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen, Demokratien sind schmutziger als Diktaturen. Der Traum von Sauberkeit wird in erster Linie in autoritären Regimen und Diktaturen gelebt. Wie oft hörte ich schon von Touristen, die gerade aus Nordkorea, Weißrussland oder aus Katar zurückgekehrt waren, wie sauber dort die Straßen sind. Keine Zigarettenstummel auf dem Boden, keine Graffitis, keine Obdachlosen.
Die sauberste, gut riechende Stadt, die ich auf meinen Lesereisen besuchte, war die usbekische Hauptstadt Taschkent. Ich wurde von der dortigen Universität eingeladen um vor den Germanisten zu sprechen, eine Woche vorher hatte sich der usbekische Machthaber in eine Ansprache geäußert, wie wichtig es für die jungen Usbeken sei, Fremdsprachen zu lernen „vor allem Englisch“ betonte der Machthaber und entfesselte dadurch eine Bildungskrise. Es war nämlich für Universitäten unklar, wie sie diesen Ausdruck deuten sollen. Was heißt „vor allem“? meinte der Chef „Ausschließlich“ oder war damit „unter anderem“ gemeint? Werden nun alle Germanistik- Fakultäten geschlossen oder umgekehrt subventioniert? Kurzum, niemand wusste ob meine Vorlesung nun stattfinden würde, ich hatte ein paar Tage frei und ging durch Taschkent, die sauberste Stadt der Welt, spazieren. Kaum Fußgänger, keine überfüllten Cafés, die Straßen glänzten und rochen buchstäblich nach Shampoo, ich hatte stets das Gefühl, ich müßte die Schuhe ausziehen und wunderte mich sehr, in diesem armen Land keine Bettler zu sehen, nirgends.
Nachts im Hotel konnte ich nicht schlafen, weil es so unheimlich still war. Ich ging auf den Balkon und sah, wie eine große Gruppe von in Tücher gewickelte Personen den Boden schrumpfte. Es waren, wie mir am nächsten Tag meine Dolmetscherin erklärte, Frauen, die ein administratives Vergehen sich hatten zu Schulden kommen lassen, falsch gekleidet in der Öffentlichkeit erschienen sind oder ihren Mann verärgert hatten. Sie mussten zur Strafe mit verdeckten Gesichtern, die Straße schrubben.
Zurück nach Berlin gekommen begrüßte ich die Kippen und Kaugummis auf der Straße, als wären sie meine besten Freunde.
Sind also Zigarettenstummel und Plastikbecher Zeichen einer demokratischen Gesellschaftsordnung?
Das nicht. Ich kann mir Demokratie auch ohne vorstellen. Doch es gibt sie, diese spezielle autoritäre Sauberkeit. Sie entsteht dort, wo es auf den Straßen kein Leben gibt. Leere, leuchtende Malls, perfekt geputzte Schaufenster, Balkone mit immer gleichen Blumen und ordentlich nebeneinander abgestellte Fahrzeuge, ebenfalls geputzt, so als hätte nie ein Mensch in ihnen gesessen. Keine überfüllten Cafés, keine Schlangen vor der Eisdiele, keine Straßenmusiker, keine Jugendlichen, die auf dem Bordstein sitzend laut Musik hören und selbstverständlich keine Obdachlosen. Da soll doch jeder denkende Mensch fragen, wo sind sie alle hin und ob er nicht der nächste sein wird, der diese Sauberkeit stört?
Denn jeder Mensch macht Müll, jeder Mensch macht Lärm und nicht jeder fühlt sich der Ordnung verpflichtet. Das liegt in der Natur jedes Menschen. Die Stadt ist eine Ansammlung der Ungleichen, der Alten und den Jungen, Reichen und Armen, Lauten und Leisen. Dieser Text soll keine Lobeshymne für Müll sein, natürlich soll die öffentliche Sauberkeit unterstützt werden, allein schon um die Infektionsrisiken zu minimieren. Doch wenn sie in eine Stadt kommen, wo es kaum Menschen auf der Straße gibt und die Luft penetrant nach Putzmittel riecht, seien Sie auf der Hut.
08.04.2026
Das Leid der anderen dringt uns ins Gehirn, dank einem uralten Instinkt entwickeln wir ein Gefühl der Verantwortung für etwas, worüber wir Bescheid wissen, über die ganzen unzähligen Kriege, über die Vollidioten an der Macht und über die Einführung der Todesstrafe in Israel.
Noch nie wussten die Menschen so viel und konnten so wenig, was zu Stresssituationen führt, die Menschen beginnen, ihre Artgenossen zu hassen, sie entwickeln ein tiefes Misstrauen zu den anderen und versuchen, sich vor den bösen Nachrichten zu schützen, sie reagieren auf Bad News mit Gleichgültigkeit, Langweile und mangelnder Empathie. Sie konzentrieren sich am liebsten auf das Leben der anderen: Vierfüßler, Vögel und Insekten.
Doch auch die Beziehung zu ihnen ist nicht immer von emotionaler Nähe und gegenseitigem Vertrauen geprägt. Jedes Mal in Frühling verdrängen Vierfüßler, Vögel und Insekten die menschengemachten Kriege und Katastrophen aus den Nachrichten. Die nichtmenschlichen Lebewesen dominieren die Agenda: gestrandete Wale, sich verlaufende Wölfe und Eidechsen auf Baustellen.
Kaum erwärmten die ersten Sonnenstrahlen das winterliche Deutschland, strandete ein Wal an der Ostsee auf einer Sandbank, zehn Kilometer nördlich von Wismar. Er machte einen deprimierenden Eindruck. Vielleicht wollte der Wal nur einmal Wismar sehen und dann sterben. Doch die Menschen wollten das Tier nicht in Ruhe lassen. Die Naturschützer hatten immer wieder versucht, den Wal zurück ins Wasser zu zerren, und wenn er wieder auf einer Sandbank festsaß, verlangten die Naturschützer von der Feuerwehr, ihn mit Ostsee-Wasser zu besprengen.
Die Passanten ruderten in kleinen Boten zum Wal, sie wollten mit ihm ein Selfie machen, besonders freche Passanten wollten gar vom sterbenden Wal verschluckt werden, um aus dem Inneren des Wals ihre Instagram-Accounts mit neuen Reels zu füttern. Die Regierung wollte den Wal absperren, damit ihm keiner zu nahe kommt und flutete die Medien mit Nachrichten über den Gesundheitszustand des Wals: „Der Zustand des Wals habe sich in der Nacht von Freitag zu Sonnabend nicht verändert,“ teilte ein Sprecher des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern am Morgen mit. Eine Woche lang überschattete das Wal-Drama von der Ostsee in den Nachrichten alle anderen Ereignisse: den Krieg in Iran, die hohen Spritpreise und die Kopfschmerzen von Tom Kaulitz.
Dann wurde eine Frau in der Hamburger Einkaufspassage direkt vor der Kaufhalle von einem Wolf gebissen. Die bösen Wölfe, die regelmäßig jedes Jahr irgendwo auftauchten waren schon immer die große Sorge der Republik. Hier und da meldeten sich besorgte Bürger und berichteten über Wölfe, die den Menschen zu nahegekommen und ihnen bedrohlich vorkamen, aber soweit waren die Wölfe bisher noch gar nicht vorgedrungen, bis zur Kaufhalle in einer Hamburger Einkaufspassage, ein Schock!
Ich konnte wiederum das Verhalten des Tiers gut nachvollziehen, ein Wolf geht in die Einkaufpassage bleibt vor der Kaufhalle sitzen, sieht vielleicht das Schild „Oster Aktion: Fünf Rotkäppchen zum halben Preis“ und springt natürlich darauf an. Eine Passantin geht wenig später nichts ahnend einkaufen und erkennt die Kassiererin nicht wieder. Haben die eine neue eingestellt? denkt die Passantin, wieso hat sie bloß so große Ohren? Und Zähne? Und schon war es um sie geschehen. Diese Rotkäppchen Aktion zu Ostern war eine pure Provokation.
In Berlin wurde zu gleicher Zeit der Bau eines verhassten Hochhauses in der Warschauer Straße gestoppt. Weder die Bürgerinitiativen noch die hellgrüne Bezirksregierung konnten diesen Bau stoppen. Doch dann stellte sich heraus, dass das Hochhaus ab dem 50 Stockwerk einen Schatten auf den Sonnenplatz von Zauneidechsen wirft, und somit ihnen ihre Lebensgrundlage entzieht, denn Eidechsen brauchen als wechselwarme Reptilien unbedingt die Sonne, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Ohne Sonne können sich die Eidechsen nicht vermehren.
Die Eidechsen hatten sehr gute Anwälte und erwirkten einen Baustopp, vorübergehend. Mein Freund, ein Eidechsenforscher, bezeichnete dieses Strafverfahren als späte Rache der Dinosaurier an der Menschheit. Die Dinos waren vor uns da, wir haben ihnen den Platz zum Leben streitig gemacht, sie mussten sich tierisch verkleinern und wurden irgendwann mal zu Eidechsen. Nun schaffen sie es aber, uns den Wohnungsmangel zu bescheren, mindestens vorübergehend. Das Haus darf so lange nicht weiter gebaut werden, bis die Bauherren eine Lösung für die Sonnenplätze der Eidechsen gefunden haben. Außerdem sollten sie laut Gerichtsbeschluss die Raupen des Nachtkerzenfalters einsammeln und in Sicherheit bringen. Das ist in meinen Augen eine schier unlösbare Aufgabe. Die Raupen sind sehr klein, die Bauherren zu eingebildet und unsportlich. Nicht einmal in hundert Jahren werden sie es schaffen, alle Raupen einzusammeln. Und sollten sie in hundert Jahren fertig damit sein, kommt schnell eine Eidechse vorbei und bringt ein paar neue Raupen mit.
30.03.2026
Russendiskonews 30.03.
Der Frühling kann eine Verschärfung psychischer Belastungen mit sich bringen, sagt die KI. Und sie, als extrem überbelastete muss ja Bescheid wissen.
In Moskau wurde für zwei Wochen das Internet abgeschaltet, ein Schock! Die Fahrdienstvermittlungen, die Essenslieferanten, die Kartenzahlungen, mit einem Wort, die gesamte hochgelobte Dienstleistung der Moskauer war auf einmal tot. Die verzweifelten Parlamentarier schlugen auf einer außerordentlichen Sitzung vor, die längst vergessenen Telefonzellen wieder ins Leben zu rufen, aber diesmal mit Internet.
Die Moskauer waren am Rande des Nervenzusammenbruches, ein Leben ohne Internet, ist es überhaupt noch möglich? Vor allem beschäftigte die Bevölkerung die Frage, wer oder was eine solche Macht habe, den Internetschalter in der Hauptstadt einfach umzulegen, ohne einer Erklärung. Der Bürgermeister mutmaßte, es könnte um eine vorübergehende Drohnenabwehr gehen.
Diese Ausrede taugte jedoch nichts. Die ukrainischen Drohnen sind in Moskau keine Alltagserscheinung, im Frühling schafft es nur selten eine Drohne bis zur Mitte Moskaus. Und die Raketenabwehr hat solche Machtbefugnisse nicht, das Internet auszuschlaten. Selbst der Staatssicherheit FSB wäre eine solche Entscheidung nicht wirklich zuzutrauen.
Es muss also jemand mächtigerer sein als die Staatssicherheit, das Militär oder der Bürgermeister. In der russischen Hierarchie der Gewalt befindet sich nur der FSO, der Personenschutz des Präsidenten, der ihm persönlich unterstellt ist, in der Position, solch eine Entscheidung zu treffen. Inzwischen mehren sich die Gerüchte, dass das Internet vom Chef persönlich flachgelegt wurde.
Angeblich war er außerordentlich beunruhigt, mit welcher Attitüde und rasanten Geschwindigkeit die iranischen Ajatollahs in den Himmel, nach Dschanna, befördert wurden. Die Israelis gaben zu, die Videoüberwachung der Iraner bereits vor Jahren gehackt zu haben. Deswegen wussten sie angeblich in Realzeit, wann und welche Führungskraft des Landes sich wo befand.
Mit der Frage konfrontiert, ob eine solche Aktion auch in einem anderen Land möglich wäre, antwortete die israelische Sprecherin des Sicherheitsdienstes, möglich sei alles.
Die ganze Geschichte könnte eine Ente sein, zumal die Verbindung zwischen dem mobilen Internet und der Videoüberwachung nicht klar ist, aber verbeugen kann nicht schaden, dachte FSO.
Der russische Präsident benutzt nicht umsonst kein Internet und erzählt gerne, das Netz wurde damals von der CIA entwickelt, da muss irgendein Wurm drin sein. Die Bilder aus dem Iran hatten Wirkung. Es wurde beschlossen, den Präsidenten sicherheitshalber zu verstecken.
Seit Mitte März darf keiner wissen, wo er ist, er tritt im Fernsehen nur vom „Beige Raum“ aus auf, so nennen die Journalisten seine provisorischen Büros, die überall im Land, meistens unterirdisch, verteilt sind und alle gleich aussehen.
Als weiteren Schritt hat man im Land das Internet ausgeschaltet. In den Regionen haben die Menschen allerdings genug mit anderen Problemen zu tun. Sie hatten seit Beginn des Krieges schon öfter kein Netz. Nur für die Moskauer war das neu.
Und ab April soll in Russland der Telegram Messenger endgültig abgeschaltet werden. Mit hundert Millionen Nutzern ist es der einzige Volksmessenger, die Infoquelle und Kommunikation der Russen. Für den 29. März wurde online eine Protestdemo angekündigt. Es kam keiner.